Anhalter Bahnhof : Occupy Berlin

Das Ding wiegt eine Tonne, ist neun Meter lang und hat einen weiten Weg zurückgelegt. „Key of Return“ nennen die Bewohner der Flüchtlingssiedlung Aida bei Bethlehem das von ihnen gefertigte Objekt. Der Riesenschlüssel liegt jetzt im Hof der Kunst-Werke in der Berliner Auguststraße – Symbol der Sehnsucht der Palästinenser nach Freizügigkeit, nach einem eigenen Staat. Und ein Kennzeichen jener Kunst, die sich ab heute auf der Berlin-Biennale präsentiert. Artur Zmijewski, ihr Kurator, versteht seine Aufgabe dezidiert politisch. Er will eine „Kunst, die nicht leer, sondern kritisch ist, die keine Pseudo-Kritik produziert, sondern tatsächlich transformiert und gestaltet.“ Der Pole ist selbst Künstler – einer der radikalsten, den man derzeit auf Biennalen und anderen Podien findet. Er weiß zu provozieren.

Und er ist am ersten Biennale-Wochenende nicht allein. Von Freitag bis Sonntag erlebt die Stadt wieder ein Gallery Weekend. 51 Vernissagen in nur wenigen Stunden, in denen man ja auch noch trinken, kaufen, Party machen muss. Hier funktioniert der Kunstmarkt Berlin wie die Clubszene. Das inzwischen reichlich internationale Publikum hüpft von Galerie zu Galerie. Es ist viel Geld und Prominenz unterwegs.

Es ist so viel los wie noch nie, und das will in dieser Stadt etwas heißen. Am Freitagabend werden im Friedrichstadt-Palast die Deutschen Filmpreise verliehen, die feschen Lolas. Das kann man sich im Fernsehen anschauen, während die Besucher der Langen Nacht der Opern und Theater am Samstag sich selbst ihre freilich gut organisierten Pfade durch den Bühnendschungel suchen oder mit den Shuttlebussen fahren. 57 Häuser, große und sehr kleine, beteiligen sich an dieser vierten Langen Nacht, die in Wahrheit ein sehr langer Abend ist. Man kann dann ja noch zum Gallery Weekend wechseln.

Das kommende Biennale-Galerien- Bühnen-Film-Wochenende bietet eine faszinierende Momentaufnahme Berlins, seines Potenzials, seiner Widersprüche und Konflikte. Kommerzielle Unternehmungen und politische Aktion, Staatstheater und Freie Szene, Filmstars und Filmförderung – nicht voneinander abgeschirmt, sondern durchlässig. Kultur ist der Schlüssel zu dieser Stadt, und bekanntlich sind die Schwellen hier niedrig. Auch wenn man manchmal fröhlich eintritt, nur um im kalten Wind zu stehen. So wie beim Grips Theater, das um seine Zukunft kämpft. Zur Langen Nacht heißt es dort „Rise up! Occupy Hansaplatz!“ Unpolitische Kunst interessiert nicht. Nicht in Berlin. Rüdiger Schaper

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