Anhalter Bahnhof : Olympia besucht Berlin

Am Sonntag erlischt in London das olympische Feuer – um sich Ende August in Berlin aufs Neue zu entzünden. Wie das geht? Bekanntlich steckt Olympia seit jeher voller Rätsel, Widersprüche, Mythen und anrührender Geschichten. Zum Beispiel dichtet und berichtet Pindar in der Vierten Olympischen Ode anno 452 v. Chr. von einem Athleten der Insel Lemnos, den die Frauen auslachten, weil er als Graukopf an den Start ging. Aber der Mann war jung und stark und hatte nur allzu früh seine schwarze Haarpracht verloren. Er gewann den Waffenlauf.

Zu jener Zeit war das so wunderschön in die Landschaft eingebettete Olympia auf dem Peloponnes bereits ein halbes Jahrtausend alt, man huldigte Zeus, brachte ihm Opfer dar. Heiligtümer in der Umgebung weisen noch weiter in die (mykenische) Geschichte zurück. Die olympische Idee – Sport und Spiel und Kult – kommt von den Ursprüngen der Zivilisationen her. Da ist es, historisch gemessen, nicht einmal eine Nanosekunde Verspätung, wenn am 30. August im Martin-Gropius-Bau die Ausstellung „Mythos Olympia. Kult und Spiele“ eröffnet, unter der Schirmherrschaft des griechischen und des deutschen Staatspräsidenten.

Schön, dass man in diesen Zeiten einmal auf Augenhöhe miteinander arbeiten kann. Veranstaltet wird die archäologische Schau von den Berliner Festspielen, die Idee wurde in der Griechischen Kulturstiftung Berlin entwickelt. 500 Leihgaben aus den Museen von Olympia und Athen sind dieser Tage auf dem Weg hierher. Herrlich der zarte Läufer in Bronze (um 490 v. Chr.), die einige hundert Jahre jüngere Marmorstatue des Athleten von Eleusis oder der Diskus aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., den Olympiasieger Asklepiades aus Korinth dem Zeustempel vermachte. Etliche Artefakte entstammen jüngeren Grabungen und wurden noch nie in der Öffentlichkeit gezeigt. Hinzu kommen Stücke aus dem Vatikan und dem Louvre und unseren Staatlichen Museen.

Eine französische Expedition leitete 1829 die Wiederentdeckung des Heiligtums ein. Auch Berlin ist mit Olympia durch lange Forschungen verbunden. Kalter Stein, glattes Metall, starre Augen – so viel erzählen sie von der Schönheit und der Haltung der Olympioniken, von ihrer Verletzlichkeit. Geschichte wiederholt sich nicht, Geschichte ist gegenwärtig. Je heftiger und widersprüchlicher aber Gegenwart empfunden wird, desto größer scheint die Sehnsucht nach anscheinend stabilen Werten und Dingen zu sein. Gold für Pergamon, Gold für Tell Halaf: Ausstellungen der Antike haben in Berlin zuletzt immerzu Besucherrekorde geschafft. Rüdiger Schaper

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben