Anhalter Bahnhof : Platz für Hollaender

Männer umschwirr’n mich wie Motten das Licht und wenn sie verbrennen, ja dafür kann ich nicht.“ Allein für diese Schlagerzeile hat er es verdient, mit einem eigenenPlatz gewürdigt zu werden, Friedrich Hollaender, der große Künstler, in den blattgoldenen Zwanzigern einer der prägenden Köpfe der Berliner Kabarett- Szene, bis die Nazis ihn aus der Heimat vertrieben. Am kommenden Montag wird es nun feierlich eröffnet, das Fleckchen Hauptstadt, das seinen Namen trägt. In Anwesenheit seiner im amerikanischen Exil geborenen jüngsten Tochter, die tatsächlich den Vornamen Melodie trägt. Auch Kulturstaatssekretär André Schmitz hat sich angesagt.

Dort, wo Joachimstaler und Lietzenburger Straße sich kreuzen, wo die Rankestraße wie eine Speerspitze vom Kudamm kommend gen Wilmersdorf hereinsticht, will man des fidelen Hollaender gedenken. Das passt. Denn gleich um die Ecke, im Sockelgeschoss vom Theater des Westens, betrieb er von 1931 bis 1933 seine politisch subversive „Tingel-Tangel-Bühne“. Finanziert mit dem Geld, das er für die Filmmusik zum „Blauen Engel“ bekommen hatte.

„Ich bin von Kopf bis Fuß …“ oder „Johnny, wenn du Geburtstag hast“: Hollaenders überhaupt nicht kleine Kunst machte ihn zu einem berühmten Mann. Dennoch muss er sich heute mit einer urbanen Nische begnügen. Von den unzähligen Autofahrern, die hier täglich vorbeibrausen, wird den wenigsten die dreieckige Freifläche neben der Parkplatz-Sackgasse je aufgefallen sein. Obwohl sie schon immer da war. Seit 1901 hieß sie, wie die angrenzende Straße, nach dem bedeutenden Historiker Leopold von Ranke. Bis die Bezirksverordnetenversammlung im vergangenen Jahr beschloss, hier 290 000 Euro aus dem Programm „Aktive Zentren“ zu investieren, mit Rollrasen, Granitstelen, ein paar neuen Ahornbäumen und einem Wasserspiel aus dem Alkoholiker- Treffpunkt einen attraktiven „Eingang zur City West“ zu machen.

Nur die Grünen hätten es lieber gesehen, wenn der Platz nach der Diseuse Trude Hesterberg benannt worden wäre, Holländers Vorvormieterin im Theater des Westens.

Vielleicht würde er ihm sogar gefallen, dieser merkwürdige, großstädtisch-unwirtliche Ort am Durchgangsstraßenrand. Hier verweilen? Höchstens für die Dauer eines Schlagerrefrains. „Lass mich einmal Deine Carmen sein / Liebst Du mich nicht, kann’s auch Erbarmen sein. / Mach mir was vor, mach’s ganz mechanisch / Küss mich, küss mich mal auf Spanisch!“ Und der tosende Verkehr macht die Musik dazu. Frederik Hanssen

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