Anhalter Bahnhof : Pommes und Pommery

Berlin, offene Stadt. Sasha Waltz geht mit ihren Tänzern und Musikern im Sommer in die Waldbühne, auch die Kunstkarawane hat sich wieder in Gang gesetzt. Nach der Auguststraße, den S-Bahn-Bögen Jannowitzbrücke und dem Checkpoint Charlie ist sie in der Potsdamer Straße angekommen. Auf dem Gelände des alten Tagesspiegels, wo die typische Berliner Mischung lockt: industrielle Gebäude, Hinterhofatmosphäre, das Flair des Vergangenen, in dem sich die zeitgenössische Kunst besonders gern in Szene setzt. Das Gallery Weekend hat den Ort endgültig auf den Berliner Ausstellungsplan gehoben. In der Druckerei bildeten sich Schlangen vor einer labyrinthischen Installation des englischen Künstlerduos Tim Noble und Sue Webster, das im Zentrum Selbstporträts der beiden aus vergoldeten Tierkadavern barg.

Noch immer ist die Schatzsucherstimmung in der Stadt ungebrochen. Das macht sie attraktiv für Kreative und ihre Klientel. Mehr Museumsdirektoren und internationale Sammler denn je gaben sich beim 7. Gallery Weekend ein Stelldichein und bestätigten Berlin als Vorreiter neuer Formen. 

Hier wurde 1997 die Museumsnacht erfunden, bei der sich zig Tausende in den Sammlungen verlustieren. Längst wird die Erfolgsidee andernorts kopiert. Berlin entwickelte daraus eine neue Variante, die lange Nacht der Opern und Theater, die ebenfalls ihre Nachahmer gefunden hat. Das Gallery Weekend wiederum hat seinen Ableger in New York. So mancher Berliner Galerist würde es am liebsten sofort wiederholen, ein zweites Mal im Jahr, denn diese Form des Marketing verspricht mehr Erfolg als die Mühen der Kunstmessen, die zumal in Berlin längst nicht den Charme der besonderen Locations besitzen. Jetzt wird eine feste Institution durch ein flexibles System abgelöst, das außerdem geschickt mit dem Moment des Exklusiven spielt. Die Voreröffnungen der Galerien, die kleinen Dinners, den Shuttle-Service gab es nur für die Wenigen, die potenziellen Käufer. Zum großen Rundgang durften dann alle, nachdem die Geschäfte abgeschlossen waren.

Auch das Theatertreffen, das am Freitag eröffnet, bedient sich der Spannung zwischen Pommery und Pommes und platziert sich damit mitten in die Stadt. Im Sony-Center, wo 2006 die Fußball- WM übertragen wurde, dürfen beim public viewing die Massen den Schauspielern zujubeln, denn in die kleinen Säle passen sie nicht hinein. Der feste Rahmen wird zwar nicht gesprengt, doch die Möglichkeit der Teilhabe geweitet, die Stadt wird zum Setting. Die Karawane findet noch immer ein neues Quartier. Nicola Kuhn

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