Anhalter Bahnhof : Rainald Goetz greift an

Als Rainald Goetz Ende März im Roten Rathaus der Berliner Literaturpreis verliehen wurde, bedankte er sich bei seinem Laudator Jens Bisky dafür, wie dieser seine Negativität „zum Leuchten“ gebracht habe. „Denn diese Negativität, die die Essenz meiner Arbeit ist, macht es mir auch so schwer, hier zu stehen.“ Tatsächlich gehört der 1954 geborene Techno-Poet und Rave-Apologet Goetz nicht zu der Sorte von Schriftstellern, die sich öffentlich gern inszenieren, gerade wenn sie ein neues Buch veröffentlicht haben, die in jedes verfügbare Mikrofon sprechen oder für die Interviews und Lesungen das tägliche Brot sind.

Das liegt daran, dass Goetz nicht unbedingt der begnadetste Selbstdarsteller ist. Vor allem aber daran, dass das Thema vieler seiner Bücher wie zuletzt etwa „Loslabern“ und „Elfter September 2010“ genau diese öffentliche Inszenierung ist, von Politikern genauso wie von Kulturbetriebsmenschen. Goetz verfolgt, so hat er es einmal formuliert, die „Basisrealitäten der gesellschaftlichen Konstruktion, in Körpersignale umfunktioniert“. Und dabei ist es immer von Vorteil, sich radikal außerhalb eines Milieus zu befinden statt mittendrin zu sein und sich möglicherweise selbst peinvoll auf die Schliche kommen zu müssen.

Umso erstaunlicher ist es, dass es in der nächsten Zeit eine Rainald-Goetz- Offensive geben wird. Am heutigen Donnerstag hält er an der Humboldt- Universität eine Mosse-Lecture mit dem bezeichnenden Titel „mehr“ und spricht darüber mit Diedrich Diederichsen. Nächsten Donnerstag folgt seine Antrittsvorlesung als Heiner-Müller- Gastprofessor an der FU, die Professur ist Teil des Berliner Literaturpreises. Und schließlich soll im September sein für dieses Frühjahr schon angekündigter, dann aber verschobener Unternehmer- und Finanzkrisenroman „Johann Holtrup“ erscheinen – und von ihm beworben werden. Angeblich hat Goetz sich bereit erklärt, so heißt es beim Suhrkamp-Verlag, Lesungen abzuhalten und sogar Interviews zu geben. Auch der Deutsche Buchpreis steht auf der Agenda, der Verlag hat „Johann Holtrup“ bei der Jury eingereicht.

So viel öffentlicher Goetz war nie. Ob der Schriftsteller sich im Herbst wirklich so bereitwillig in die Literaturbetriebsmaschinerie begibt, sei zwar noch einmal dahingestellt. Bei aller Furcht vor Lobeshymnen und Schulterklopfern hat aber auch ein Rainald Goetz nichts gegen Zuspruch und Motivationshilfe in Form einer mit 30 000 Euro dotierten Auszeichnung wie dem Berliner Literaturpreis. Da leuchtet dann selbst das Positive einmal. Gerrit Bartels

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