Anhalter Bahnhof : Ruhige Kugel mit Mozart

In dieser Minute ereignen sich fünf Unfälle auf deutschen Straßen, die menschliches Leid und finanzielle Einbußen mit sich bringen. Wie sie am besten zu verhindern wären, darüber wird viel nachgedacht – von Politikern und Verkehrspsychologen, Versicherungsmanagern und Stadtplanern. Die klassische Musik spielte bislang im toten Winkel ihrer Gesetze und Gutachten. Das ist nun überholt. Denn Verkehrsminister Peter Ramsauer hat in Berlin die CD „Adagio im Auto“ vorgestellt, für die der Hobbypianist auch selbst in die Tasten griff. Was aussieht wie ein unscheinbarer Tonträger, ist in Wahrheit die größte musikalische Erregung – und Entschleunigung– in der Bundespolitik seit Helmut Schmidts Klavier-Schallplatten. Für Ramsauer ist Klassik „die schönste Art, Unfälle zu vermeiden“.

„Adagio im Auto“ vereint sieben langsame Sätze aus Mozarts Klavierkonzerten. Interpreten sind neben dem Verkehrsminister namhafte Profis wie Lars Vogt und Christoph Eschenbach, die alle einmal Preisträger des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft waren. Als Dirigenten hat sich Kulturkreis- Chef Stephan Frucht gleich selbst engagiert. Das Ergebnis sei „ein Verkehrssicherungsprojekt mit künstlerischen Mitteln“, erklärt Initiator Frucht. Für fünf Euro zuzüglich einem Euro Spende zugunsten der Aktion Kinderunfallhilfe ist die CD jetzt unter www.adagio- im-auto.de zu haben.

Bedächtiges Autofahren will sie mit Mozart lehren, auf dass überhöhte Geschwindigkeit täglich nicht mehrere Menschenleben fordert. „Larghetto“, „Adagio“ oder höchstens mal „Andante“ soll es auf den Straßen künftig zugehen, harmonisch synchronisiert mithilfe von Wolfgang Amadeus. Dafür hat Ramsauer neben seinen Ministerpflichten drei Monate lang geübt, täglich ein bis zwei Stunden, hat Interpretationen verglichen und ist eingetaucht in die Struktur der Sonatensatzform. Mozart, bekennt er, sei geheimnisvoller als der Bundesverkehrswegeplan.

Hochkonzentriert, im offenen Hemd, ziert Ramsauer das in cooles Blau getauchte CD-Cover. Der Mann, dem man eher verschleppte Baustellen-Tempi und verpasste Bahn-Anschlüsse vorhält, steht auf dem Pedal, damit andere ihren Bleifuß heben. Ob Mozarts verträumte, von Schleiern der Melancholie durchzogene langsame Sätze tatsächlich die Aufmerksamkeit im Straßenverkehr erhöhen, ist nicht erwiesen. Auf jeden Fall lenken sie uns ab von unserer zerbrechlich eingerichteten Welt mit ihren fehlenden Weichenstellungen und Verkehrsinfarkten. An denen wird das Wunschkonzert von Wirtschaft und Politik nichts ändern. Ulrich Amling

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!