Anhalter Bahnhof : Rushdie in Berlin

Schaut man sich dieser Tage die Anzeigen an, die das am Mittwoch eröffnete Internationale Literaturfestival Berlin in diversen Medien geschaltet hat, beeindruckt weniger die tatsächliche Internationalität der Autoren (international war dieses Festival ja schon immer), sondern noch mehr deren Prominenz. J. M. Coetzee, der Nobelpreisträger, der überhaupt zum ersten Mal in Berlin auftritt, Liao Yiwu, Taiye Selasi, John Boyne, T.C. Boyle, Janne Teller, Salman Rushdie, Katja Petrowskaja, Moshin Hamid undundund.

Noch beeindruckender aber ist womöglich, dass in den Anzeigen der Name eines Schriftstellers wie selbstverständlich steht und mitgelesen wird, dessen Kommen und Anwesenheit eigentlich noch immer keine Selbstverständlichkeit ist: Salman Rushdie, der Autor der „Satanischen Verse“, wie er lange Zeit synonym bezeichnet wurde.

Nachdem Rushdie 1989 von den Führern der islamischen Revolution im Iran zum Tode verurteilt worden war, lebte er viele Jahre ein Leben als „unsichtbarer Mann mit einer gesichtslosen Maske“, ständig auf der Hut, ständig unterwegs, ständig bewacht. Rushdie hat vor einem Jahr die Geschichte seines Lebens unter der Fatwa veröffentlicht, betitelt „Joseph Anton“, wie er sich in den Fatwa-Jahren nannte. Für ihn war allein das Schreiben dieses Buches ein Stück Alltags- und Normalitätsrückeroberung; Rushdie wollte mit dem Buch die diversen Versionen seiner selbst zerstören: Joseph Anton sowieso, aber auch den genauso idealisierten, ikonisierten wie dämonisierten „Salman Rushdie“.

Das mag ihm für seine Person gelungen sein. Von außen stellt sich das noch etwas anders dar. Als Rushdie „Joseph Anton“ 2012 in Berlin vorstellte, war die gesamte Medienwelt mit Dutzenden von Kamerateams vor Ort. Sie registrierte dann aber – fast etwas enttäuscht – nur dezente Sicherheitsmaßnahmen für den einst so gefährdeten Autor.

Wie es sich damit übernächstes Wochenende verhält, wenn Rushdie Samstagabend und Sonntagfrüh im Haus der Berliner Festspiele Auskunft zu Leben und Werk gibt? Nicht viel anders. Nur dass dieses Mal viel Publikum da sein wird und nicht mehr ganz so viele Medien. Als eine Art „Freiheitsstatue“ dürfte Rushdie weiter verehrt werden; auch seine Angst vor irrläufernden islamischen Fundamentalisten wird er nie ablegen. Die Normalisierung seines Daseins aber, zumal seines Schriftstellerlebens, schreitet voran – beim nächsten Buch von Rushdie interessiert nur noch dessen literarische Qualität. Und falls es gut ist, kommen die Leute in Scharen. Wie bei jedem anderen Schriftsteller auch. Gerrit Bartels

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