Anhalter Bahnhof : Schaubühne 21

Witze mit Eigennamen soll man sich eigentlich verkneifen, aber bei Volker Lösch geht es leider nicht anders. Denn wo Lösch auftaucht, wird der Boden heiß. Da wird das Feuer nicht ausgetreten, sondern erst richtig entfacht, da zischt die Lunte. Oder wie es Volker Lösch selbst ausdrückt: „Der gemeine Stuttgarter brennt.“

Der Mann ist Theaterregisseur, ein radikal politischer. So radikal, dass er am liebsten auf professionelle Schauspieler verzichtet und Demonstranten auf die Bühne stellt, Betroffene. Am Dresdner Staatsschauspiel formierte er einen Bürgerchor, der sponti-militante Parolen zu Politik und Medienwelt skandierte, am Hamburger Schauspielhaus ließ er Hartz-IV-Empfänger über Reichtum und Revolution palavern. Lösch-Reden sind Brand-Reden. „In Stuttgart“, schreibt er in einem Zeitungsbeitrag, „wächst seit Mitte Juli eine so unglaubliche Dimension von bürgerlichem Engagement heran, dass es einem regelmäßig die Schauer über den Rücken jagt.“

Wie wahr! Als Hausregisseur am Stuttgarter Staatsschauspiel erlebt er derzeit die größte Inszenierung seines Lebens. Lösch liefert dem Protest Ideen und Formen. Er coacht die Schwaben, macht sie wacker. Die ganze Republik schaut betroffen zu, wie zum Fürchten anständige Bürger anständig den Putz von demokratischen Fassaden hauen, einen glühenden Eifer entwickeln und einem Fanatismus frönen, wie man ihn lange nicht gesehen hat in diesem Land. Die Zeitschrift „Theater heute“ widmet dem „Bürger-Aufstand in Stuttgart und seinem heimlichen Regisseur Volker Lösch“ im November ihre Titelgeschichte. Eine Stuttgarterin schreibt, wie sie „unendlich deprimiert“ am Bauzaun steht: „Ich weiß nicht, was ich tun soll, will was tun. Brauche Führung! Einen Chorleiter!“ Und weiter: „Ohne Volker Lösch als ständigen Regisseur, Magnet, Antreiber geht es nicht.“

Jetzt wird das prächtig-mächtige Stuttgart-21-Straßentheater wie ein Soufflé in sich zusammenfallen. Volker Lösch verlässt sein Chorführer-Hauptquartier. Lässt seine Schäfchen im Stich. Er kommt nach Berlin. An die Schaubühne. Im Dezember hat hier „Lulu – Die Nuttenrepublik“ Premiere, seine neue Wutprobe. Lösch castet „Sexarbeiterinnen“, wollte aber eigentlich etwas ganz anderes machen. Ein Stück über die Finanzkrise, mit echten Menschen aus dem Bankgeschäft. Dafür haben sich nicht genug Kandidaten gemeldet, der gemeine Berliner Geldbeutel brennt halt doch nicht so leidenschaftlich wie schwäbische Kopfbahnhofsschützer. Banken oder Betten, egal: Es muss krachen. Rüdiger Schaper

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