Anhalter Bahnhof : Schaut auf Schlingensief

Vor bald vier Jahren, im Februar 2010, legte Christoph Schlingensief den Grundstein für sein Operndorf bei Ouagadougou. Es war ein fantastisches Ritual unter der sengenden Sonne Westafrikas; Schamanentreffen, Kunstaktion, soziale Tat. Sechs Monate später starb der große deutsche Künstler in Berlin – doch sein Traum nahm Gestalt an. Aino Laberenz, Schlingensiefs Frau, hat das Projekt energisch vorangetrieben. Heute werden dort Kinder unterrichtet, gibt es Kulturveranstaltungen, werden Kranke behandelt. Die Anlage hat Modellcharakter. Sie lebt von Spenden, und da erhofft man sich in der Adventszeit einen schönen Segen.

Es ist eine seltsame Sache mit Christoph Schlingensief. Er ist immer noch da, nicht nur wegen dieses Dorfs in Afrika, dem anfangs ja kaum eine ernsthafte Chance gegeben wurde. Schlingensief fehlt. Seine Aura wird schmerzlich vermisst, seine Klarheit und Verrücktheit – in einem von Routine geprägten Kunst- und Theaterbetrieb. Niemand ist ihm nachgefolgt, wie auch! Er war ja nicht vom Himmel gefallen, er hatte sich entwickelt, immer wieder neu präsentiert: als Filmemacher, bildender Künstler, geniale Nervensäge, als Regisseur der Volksbühne, am Burgtheater und in Bayreuth, im Hause Wagner. Er war überall.

Und nun will eine große Retrospektive in den Kunst-Werken in der Auguststraße an diesen langen Weg erinnern, an das Werk und den Menschen Schlingensief. Sie wird kuratiert von Klaus Biesenbach und Susanne Pfeffer (beide sind frühere Kunst- Werke-Chefs) und Anna-Catharina Gebbers. Aino Laberenz ist natürlich auch dabei. Sie hatte 2011 auf der Biennale in Venedig den Deutschen Pavillon mit Schlingensief-Artefakten gefüllt. Dafür wurde posthum der Goldene Löwe verliehen.

Es wird mit fortschreitender Zeit nicht leichter, eine solche Schau zusammenzubringen, will man dem Performer, dem Installationskünstler gerecht werden – und den Zeitumständen, in und aus denen heraus er agierte, wie nur er es vermochte. Blitzschnell, blitzgescheit, verwirrend in seinem Gefühlsüberschwang, faszinierend in seinem intellektuellen Tohuwabohu. Ursprünglich sollte die Ausstellung im vergangenen Sommer eröffnen, doch es gab logistische Probleme.

Nun soll es am 30. November so weit sein. Christoph Schlingensief kehrt zurück – durch sein Werk. Im März geht die Schau nach New York, zum MoMA PS1. Die Tage werden lichtärmer, kälter. Da tut diese Erinnerung und Vergegenwärtigung gut. Rüdiger Schaper

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