Anhalter Bahnhof : Schöne alte Welt

Als Francis Fukuyama vor bald zwanzig Jahren das „Ende der Geschichte“ gekommen sah, war das eine flache These. Der Eiserne Vorhang war gefallen, und man glaubte freie Sicht auf die Zukunft zu haben. Geschichte mag einen Anfang haben – damit befassen sich dann aber die Theologen, nicht die Politikwissenschaftler. Wie kann man auch vom Schluss reden, wenn wir noch nicht einmal genau wissen, was bisher geschah. Es ploppt ja täglich etwas neues Altes auf.

In einem italienischen Karmeliterkloster hat ein belgischer Linguist, der für die Universität Potsdam forscht, eine frühe Grammatik des Sanskrit entdeckt. Das Lehrbuch, die „Grammatica Grandonica“, stammt von dem Jesuitenmissionar Johann Ernst Harxleben. Er trieb sich im 18. Jahrhundert in Kerala im Süden Indiens herum und sammelte wertvolle Erkenntnisse über die indogermanische Sprachfamilie.

Schöne alte Welt. In den Katakomben von Santa Tecla bei Rom legen Archäologen mit einem Laser Fresken aus dem 4. Jahrhundert frei. Es handelt sich um die bisher ältesten Einzeldarstellungen der Apostel Petrus, Paulus, Andreas und Johannes. Zur gleichen Zeit identifizieren Forscher der Universität Bologna per DNA-Analyse menschliche Überreste des Barockmalers Caravaggio. CSI auf einem Friedhof in Porto Ercole, Toskana.

Das Erdreich ist ein einziges Schatzhaus. In Istanbul wird der Bau der Metro deshalb immer wieder gestoppt. Die Archäologen jubeln, die Ingenieure und Politiker fluchen.

Ein ebenso stilles wie spektakuläres Experiment haben Wissenschaftler der Fachhochschule Köln gewagt. Sie entrollten eine 3500 Jahre alte ägyptische Papyrus-Schrift. Lange Zeit hatte man das Totenbuch vom Hofe eines Pharaos nicht angetastet, aus Furcht vor Beschädigungen. Was für ein dramatischer Akt, bei 97 Prozent Luftfeuchtigkeit und 28 Grad konstanter Raumtemperatur: 3,20 Meter ist die Rolle breit, wie man jetzt weiß, die Öffnung zog sich über fünf Stunden hin. Das entspricht einer Geschwindigkeit von 1,07 Zentimetern pro Minute. Von Schneckentempo kann aber keine Rede sein. Eine gewöhnliche Weinbergschnecke schafft sieben Zentimeter pro Minute.

Schrift und Zeichnung sind bestens erhalten: Sprüche und Beschwörungsformeln, Schlangen, Krokodile, Nilpferde, Abbildungen des Verstorbenen, dem man das Totenbuch ins Grab gelegt hatte. Vierzig Jahre hat der jetzige Besitzer des kostbaren Papyrus auf diesen Moment gewartet; bis die Technik ausgereift war. Kein Ende der Geschichte, aber ein Happy End. Rüdiger Schaper

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