Anhalter Bahnhof : Seien Sie lieb zu E-Books!

Denken Sie auch daran, liebe Leserin, lieber Leser, zu Weihnachten ein elektronisches Lesegerät, neudeutsch „E-Reader“, zu verschenken? Oder sich selbst damit zu beglücken? Sie wären, das ist nach den steten Erfolgsmeldungen von E-Reader- Händlern wie Amazon oder Sony klar, nicht die Ersten – aber die Preisbewusstesten. Diese Lesegeräte kosten inzwischen nicht mehr als vier gebundene analoge Bücher. Kein Wunder also, dass immer mehr elektronische Bücher verkauft werden, nicht nur in den USA, wo Amazon schon mehr E-Books als gedruckte Hardcover und Taschenbücher verkauft, sondern auch hierzulande. Der Buchversand libri.de vermeldete kürzlich, im Oktober mehr E-Books als physische Bücher verkauft zu haben. Daraus folgt, dass der bislang bei einem Prozent liegende Anteil der E-Books am Gesamtumsatz des deutschen Buchhandels sich wohl schneller als gedacht verzehn- oder gar verzwanzigfachen wird.

Nun stellt sich die Frage: Wird Lesen noch schöner, noch bequemer? Wird mit E-Readern gar mehr gelesen? Worin liegt der Vorteil, etwa Eugen Ruges Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ als E-Book zu lesen? Die Älteren unter uns freuen sich darüber, in Zeiten abnehmenden Augenlichts die Schriftgröße beliebig verändern zu können; die Jüngeren könnten sich beim Lesen zwischendrin mal mit einem Spielchen entspannen oder E-Mails checken. In der Badewanne aber wird es schwer; am Strand dürfte die Sorge um den möglichen Sand im Getriebe dominieren; und auch mit dem Ausleihen und Signieren ist es vorbei. Ja, aber mit dem Büchergeschleppe auf Reisen hat es ein für alle Mal ein Ende! Nein, aber wo bleibt die Sinnlichkeit? Ja, aber so ein Ruge-Filmporträt als zusätzliches multimediales Element, das hat was! Nein, aber ältere Romane von F. C. Delius oder Christa Wolf gibt es noch nicht als E-Book! Ja, aber eine neue Technik stellt stets eine reizvolle Herausforderung dar, bricht mit alten Gewohnheiten, schafft neue! Nein, aber nicht jede neue Technik verbessert auch gleich das Leben!

So geht es hin und her und unendlich weiter. Zu guter Letzt sollte man vielleicht noch tief ins Innere der armen Elektronik schauen. Mit Umberto Eco, der schon den „Inneren Monolog eines E-Books“ verfasst hat: „Viele Leben und viele Seelen zu haben ist wie kein Leben und keine Seele zu haben. Außerdem muss ich aufpassen, dass ich mich nicht zu sehr in einen Text verliebe, denn am nächsten Tag könnte mein Benutzer ihn löschen.“ Insofern, liebe Leser, liebe Leserin, bleiben Sie dran, kaufen Sie E-Reader, kaufen Sie E-Books! Aber seien Sie bloß lieb zu ihnen! Gerrit Bartels

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben