Anhalter Bahnhof : Sekunde mal!

Achten Sie darauf, wann Sie blinzeln!“, warnt Wim Wenders die Gäste in der Astor Film Lounge, „sonst verpassen Sie vielleicht das Beste!“ Die Sache versprach in der Tat, kurzweilig zu werden. Denn hier ging es zur Siegerehrung des „Beauty of a Second“-Wettbewerbs. Im Angedenken an den 190. Geburtstag des Chronographen-Erfinders Nicolas Rieussec hatte sich jedermann bewerben können – unter der Bedingung, dass der eingereichte Beitrag tatsächlich nur eine Sekunde lang dauert. 12 000 Mikrofilmchen kamen zusammen, die Wim Wenders als einziger Juror zu sichten hatte.

Eine riesige Drei taucht auf der Leinwand auf, dann geht der Countdown weiter, 2,1, Filmbeginn – und puff, ist der erste Finalisten-Beitrag auch schon wieder vorbei. Ein wahrlich kurzes Vergnügen. Wäre die ganze Chose nicht ein Marketinggag der Firma Montblanc, die außer edlen Schreibgeräten seit einigen Jahren auch teure Uhren verkauft, man könnte jetzt die ganze große küchenphilosophische Trickkiste aufmachen. Mit 24 Aufnahmen pro Sekunde arbeiten Kameraleute heutzutage, damit das menschliche Auge noch fließende Bewegungen wahrnehmen kann. Lässt sich in zwei Dutzend Bildern wirklich eine Geschichte erzählen? Werden die weitreichendsten Entscheidungen im Leben nicht stets im Bruchteil einer Sekunde getroffen? Und überhaupt: Ist der cineastische Schnellschuss angesichts des immer rasanter sich drehenden Alltags nicht längst die einzige adäquate künstlerische Ausdrucksform? Die ersten laufenden Bilder, die von den Frères Lumière 1895 gezeigt wurden, dauerten übrigens zwischen 41 und 46 Sekunden.

Gewonnen hat bei „The Beauty of a Second“ am Ende Jan Herms, für seine Momentaufnahme aus dem Monument Valley im Südwesten der USA. Obwohl der junge Mann genau genommen ein wenig geschummelt hat. Er komprimiert nämlich durch modernster Zeitraffertechnik mehrere nächtliche Stunden auf eine einzige Sekunde. Mit faszinierendem Ergebnis: Über den rostrot leuchtenden, gewaltigen Tafelbergen des Colorado Plateau flitzen die Sterne am Firmament entlang, wie von Gotteshand angeschoben.

Die Welt, ein Wimpernschlag. Da wird einem doch gleich ganz faustisch zumute, da möchte man mit Johann Wolfgang von Goethe ausrufen: „Werd’ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde geh’n!“ Oder auf der Stelle mit einem Sekundenschlaf bestraft werden. Frederik Hanssen

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