Anhalter Bahnhof : Sucht den Superliteraten!

Wer erinnert sich nicht an Rainald Goetz, als dieser beim Klagenfurter Bachmannlesen sich mit einer Rasierklinge die Stirn aufschlitzte und blutend seinen Text vorlas? Oder an Jörg Fauser, wie er in Klagenfurt mit undurchdringlich-gelangweiltem Gesicht die Tirade eines Reich- Ranicki über sich ergehen ließ, sein Text sei keine Literatur? Das waren noch Zeiten! Das waren noch Männer! Der große, manische Hermann Burger!

Heutzutage, da an diesem Wochenende schon zum 18. Mal der Open- Mike in Berlin stattfindet, gewissermaßen das kleine Bachmannlesen, geht alles viel gesitteter, um nicht zu sagen: langweiliger zu. Die Bachmannpreisträger und Open-Mike-Gewinner kommen und gehen, sie machen eine mal mehr, mal weniger große weitere Karriere im Literaturbetrieb auf dem Buchmarkt, und nicht einmal ein Autor, der seinen Text aufisst, wie 2009 Philipp Weiss, sorgt mehr für erstaunte Ahs und Ohs. Denn vor allem sind diese Literaturwettbewerbe Leistungsschauen, stehen die Teilnehmer unter einen gewissen Druck. Und so haben sie mittlerweile den Charakter von Casting- Shows, wie man sie aus dem Privatfernsehen kennt, spielen Aussehen, Wohlverhalten, Performance und nicht zuletzt der Vortragsstil eine große Rolle.

Man könnte deshalb aber auch sagen: Ohne Klagenfurt, ohne etwa Marcel Reich- Ranicki, Adolf Muschg oder Rudolf Walter Leonhardt als einstige Juroren, gäbe es keinen Bohlen, keinen Stein und keine van der Vaart, gäbe es kein „Deutschland sucht den Superstar“, kein „Germanys Next Topmodel“, kein „X Factor“. Die Literatur als Medienavantgarde, wenn das nichts ist! Und da passen natürlich auch die vielen Autorinnen ins Bild, die nach Jury-Verrissen sich die Tränen aus den Augen wischen (Männer weinen ja nicht so gern in der Öffentlichkeit); oder die Schweizer Schriftstellerin Melinda Nadj Abonji, die sich 2004 in Klagenfurt am Ende vor laufender Kamera lauthals über den Umgang mit ihrem Text beklagte. Heidi Klum hätte die passenden Worte für sie.

Doch es geht genauso ohne Literaturwettbewerb. Das hat eben jene Melinda Nadj Abonji bewiesen, die dieses Jahr mit ihrem Roman „Tauben fliegen auf“ den Deutschen Buchpreis gewann. Oder Benjamin Lebert, der vor gut einem Jahrzehnt als 17-jähriger mit „Crazy“ für crazy Aufsehen sorgte. Und, ach ja: Was macht eigentlich our very own Helene Hegemann? Hat sie sich für einen Jurastudienplatz beworben, wie sie es im Frühjahr angekündigt hat? Oder sitzt sie womöglich an einer Fortsetzung von „Axolotl Roadkill“? Gerrit Bartels

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