Anhalter Bahnhof : Suhrkamp bei Nacht

Am erstaunlichsten an der ewigen Causa Suhrkamp ist ja, dass der Verlagsbetrieb in der Pappelallee bislang wie gehabt und anscheinend unbeschadet weiterläuft, so als gäbe es keinen Barlach, keine Gerichtsprozesse, kein Schutzschirmverfahren und keine drohende Insolvenz. Gerade heute ist wieder ein Suhrkamp-Vorabexemplar in der Redaktion angekommen, „Blumenfresser“, ein knapp 900-seitiger Roman des ungarischen Autors László Darvasi. Und gestern war es ein Büchlein aus einer der vielen Suhrkamp-Nebenreihen: Eine Originaltaschenbuchausgabe mit Geschichten aus Berlin, „Berlin bei Nacht“, erzählt, so der Verlag, „von hellwachen Autorinnen und Autoren, Szenegängern, Schauspielern, Musikern und intimen Kennern“.

Natürlich sind die Nacht und die Hellwachheit vor allem als ein lockerer thematischer Überbau gedacht. Es geht hier nicht nur um die Menschenschlangen vor dem Berghain oder das Szeneleben in Prenzlauer Berg (ist mausetot). Wenn David Wagner mit einer Mülltüte durch Mitte wandert, Anna Katharina Hahn Berlin „aus weiter Ferne“ (Stuttgart!) betrachtet oder Sarah Khan auf dem Friedhof in Friedenau einen Nachtlebenhelden wiederauferstehen lässt, bekommt man schon noch ein paar mehr Facetten von Berlin präsentiert, zu schweigen von dem Fuchs, der hier durch einige Geschichten wandert. Berlin mag sich also wiedererkennen, sich stolz auf die Tatzen klopfen (ach, wir sind schon wer!).

Wichtiger ist womöglich sowieso, zurück zu der Sorge um Suhrkamp, dass das Buch gut passt zu den erfolgreichen Berlin-Auftritten des Verlags seit seiner Ankunft 2010: von dem temporären Edition-Suhrkamp-Laden in Mitte bis hin zu den Rafael-Horzon- oder Rainald-Goetz-Buchpremieren im Berghain, in Kreuzberg oder eben der Pappelallee. Suhrkamp kann Berlin, Suhrkamp kann Pop.

Nachdenklich stimmt allerdings die letzte Geschichte des Bandes, bezeichnenderweise „Nächte am Tag“ betitelt. Darin läuft der Leiter des Berliner Verbrecher Verlags, Jörg Sundermeier, frühere Stationen seines Nachtlebens ab, vom legendären Tresor in der Leipziger Straße über das legendäre vierte WMF in der Johannisstraße bis zum legendären Kitty-Yo-Büro in der Rosenthaler Straße. Da ist natürlich nichts mehr, alles weg, nur die Erinnerung nicht. Es schneit am Ende, der Schnee fällt und fällt, „auf die Lebenden und die Toten“ – und man kann sich dann nur noch schwer des Eindrucks erwehren, als beschreibe diese Geschichte sehr gut die gegenwärtige Situation des Verlags. Gerrit Bartels

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