Anhalter Bahnhof : Thränen und Speculationen

Schwindelerregend, diese Zahl: 1700 Milliarden Euro. So hoch sind die öffentlichen Haushalte in der Bundesrepublik verschuldet. 1 700 000 000 000 Euro. Eine Albtraumziffer.

„Die Schulden fliegen durch die drückende Luft und prügeln sich, die Sorgen klappern an die Fenster, die hohen Procente sitzen an den Thorwagen und lassen sich von den kleinen Procenten komische Geschichten erzählen, die Staatspapiere klettern bis zu den Schornsteinen hinauf und stürzen sich wieder herunter, der Gewinn und der Verlust gehen Arm in Arm spazieren.“

Das aktuell anmutende Krisenszenario stammt von 1838. In Adolf Glaßbrenners Prosaskizze über die Berliner Königsstraße tanzen Angst und Aktionärsgeist einen fröhlichen Ringelreihen. Aus der Königsstraße ist die Rathausstraße geworden, ein stiller Winkel im Schatten des Alexanderplatzes. Zu preußischen Zeiten war sie ein Zentrum des Geschäftslebens. Glaßbrenner staunt über die Vitalität der Straße, er beugt sich tief hinab ins Gewusel: „Wie viel tausend Wünsche und Hoffnungen, Speculationen und Interessen mögen sich in diesem Augenblick auf der Straße kreuzen, wie viel Thränen zittern in diesen Herzen, wie viel Jubel halten sie zurück!“ Die multiple Perspektive erinnert an den Film „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ und an Wim Wenders’ Melodram „Der Himmel über Berlin“, wo Engel den Gedanken in den Köpfen der Großstadtmenschen lauschen, ein unablässiges Wispern.

Adolf Glaßbrenner, der vor zweihundert Jahren in der Leipziger Straße in Berlin-Mitte geboren wurde, war Chronist, Satiriker, Revoluzzer. Die Zeitschriften, die er belieferte oder gleich selber gründete, hießen „Berliner Don Quixote“, „Berlin, wie es ist und – trinkt“ oder „Das Brennglas“. Weil die Figuren, die er kalauernd aufspießte, so harmlos erscheinen, gilt er als Inkarnation biedermeierlicher Anpassung. Doch die Gemütlichkeit war Tarnung. Immer wieder wurden Glaßbrenners Texte verboten, man zwang ihn ins Exil. 1858 kehrte er nach Berlin zurück, wo er 1876 starb.

„Welt, jetz kannste wieder losjehen! Lebenslauf, ick erwarte dir.“ So lautet das Credo des Eckenstehers Nante, Glaßbrenners bekanntester Schöpfung: ein Aufruf, an den Dingen bloß beobachtend teilzunehmen. Eckensteher gibt es viele unter den Plebejern des stolzen Berlin, ihre Haupteigenschaften sind „immerwährender Durst“, „handfester Witz“ sowie „grenzenlose Gleichgültigkeit gegen alles, was um sie vorgeht“. Glaßbrenner nennt sie auch „Sonnenbrüder“. Heute würde man diese Modernisierungsverweiger dem Prekariat zuschlagen. Christian Schröder

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!