Anhalter Bahnhof : Unken über Dschunken

Anhalter Bahnhof

Wer in die libysche Wüste fährt, braucht eine Kopfbedeckung, und was spielt es dabei für eine Rolle, dass das am Straßenrand erworbene Palästinensertuch „Made in China“ ist. Wahrscheinlich kümmert es Touristen in der Dominikanischen Republik auch wenig, dass ihre karibischen Souvenirs in Indonesien gefertigt wurden – die bunten Schals in den Basaren von Marrakesch bis Istanbul stammen ohnehin aus Indien.

China produziert alles, massenhaft und billig. Das hat seinen Preis, schlägt auf die heimische Kultur zurück. Die Pekingoper und die Dschunkenbautechnik, der chinesische Holzdruck und die Tradition des Meshrep, des Erntedankfests der in China lebenden, unterdrückten Minderheit der Uiguren, wurden jetzt von der Unesco in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Aber so weit muss man nicht reisen, um bedrohtes Handwerk und aussterbende Kulturtechniken auszumachen. Auch das mehrgängige Menü der französischen Küche und der Ojikanje-Kehlgesang aus Dalmatien hat die Unesco auf ihrer Tagung in Nairobi geadelt. Afrika geht leer aus. Gibt’s da keine Kultur?

Mag sein, dass die aserbaidschanische Teppichknüpfkunst schwere Zeiten durchmacht, aber der schöne Brauch der Echternacher Springprozession, bei der jedes Jahr nach Pfingsten Tausende durch das Luxemburger Städtchen hüpfend zum Heiligen Wilibrord pilgern, erfreut sich großer Popularität – wie auch der neuerdings geschützte flämische Karneval. Bisher wurden Bauwerke, Biotope und Landschaften (man erinnert sich an an das Gezerre in Potsdam oder Dresden) unter den ideellen Schutz des Weltkulturerbes gestellt, nun erweitert sich der Kulturbegriff ins Immaterielle. Alles ist Kultur und daher schützenswert – was an einen Roman von Ilija Trojanow erinnert: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall.“

Leider führt das muntere Wachstum der Liste zum Verschwinden der Weltkulturerbe-Idee in den Wolken. Hier wird ein neuer Turm zu Babel gebaut. Wenn eine Brücke das Elbtal verschandelt, kann die Unesco den Dresdnern den Ehrentitel entziehen. Aber was, wenn in China die letzten Dschunkenbaumeister (es gibt nur noch drei, und sie sind alt) gestorben sind? Was, wenn der französische Rohmilchkäse von geschmacklosen EU-Richtlinien verschlungen wird? Kann man jüdischen Humor, spanisches Kurzpassspiel, russische Seele, italienisches Belcanto patentieren lassen? Marimba-Musik steht schon drauf, warum nicht der Gesang der Buckelwale und die Kusstechnik der Eskimos? Oder Zeitungen mitsamt ihren Redaktionen? Rüdiger Schaper

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