Anhalter Bahnhof : Vorsicht, Frühling

Herrlich, diese samtige Luft bis in den Abend hinein! Noch dünstet Berlin den Restwintermief aus, aber egal, die Stadt stülpt sich gerade von innen nach außen. Alle Welt labt sich im Freien, die Hunde tollen herum, die Knospen treiben, vereinzelt wurden sogar schon kurzbehoste Herren gesichtet. Alles neu macht der April, bloß die schönen Künste spielen mal wieder nicht mit. Frühling auf der Bühne, in der Malerei, in der Musik, da ist schnell Schluss mit Tollen und Treiben und Laben.

Nehmen wir nur die berühmtesten Werke über den Lenz, Strawinskys „Sacre du Printemps“ oder Botticellis Renaissancebild vom Frühling. Das „Sacre“-Ballett machte im schönen Monat Mai vor 100 Jahren in Paris tüchtig Skandal (samt Polizeieinsatz im Théâtre des Champs-Élysées) und wird zum Jubiläum von Sasha Waltz im legendären Petersburger Mariinsky Theater neu auf die Bühne gebracht, im Oktober dann in Berlin. „Sacre“ ist ein Heidenspektakel. Eine Jungfrau wird geopfert, ein Mädchen, das sich zu Tode tanzen muss – Frühlingsweihe als Gewaltakt gegen Frauen. Und so heiter Botticellis „Primavera“ mit Venus, Nymphen und Amor zunächst auch erscheint: Rechts im Bild stellt der Gott des Westwindes der lieblichen Chloris nach, die sich in höchster Not in Flora verwandelt. Wer will schon gern zur Pflanze erstarren?

Robert Schumann immerhin komponierte die „Frühlingssinfonie“ voller Glückseligkeit, frisch vermählt mit seiner Clara. Aber im gleichnamigen Film von 1983 tun sich eisige Abgründe auf. Was nichts damit zu tun hat, dass Schumann von Herbert Grönemeyer gespielt wird. Nein, Claras allzu strenger Vater verstieß seine Tochter bekanntlich, weil sie auf ihrer Liebe beharrte.

Auch in Frank Wedekinds Drama „Frühlings Erwachen“ ist Sex streng verboten, die Folge: Anstaltseinweisung, Selbstmord. Und den jüngsten Roman der Erfolgsautorin Hiromi Kawakami, „Bis nächstes Jahr im Frühling“, preisen Kritiker als Meditation über die vielen Arten, sich ins Unglück zu stürzen. „Ach ja, der Mensch! Was will er nur vom Lenze?“, fragte Kurt Tucholsky. Samtige Luft bis in den Abend! Die übrigen Jahreszeiten – man denke an Sommernachtsträume, Herbstsonaten und Wintermärchen – kommen in der Kunst ja auch nicht viel besser weg. Christiane Peitz

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