Anhalter Bahnhof : Was Wissen nicht schafft

So ist eben der Berliner: Wo eine Schlange ist, da stellt er sich an. Nehmen wir den Ausstellungsrenner des Jahres: Frida Kahlo im Martin- Gropius-Bau, stets belagert von Besuchern. Nicht anders Königin Luise, die Preußen-Ikone, bei der sich der flapsige Werbeslogan „It-Girl“ aufs beste mit offenbar unstillbarer Mythen-Sehnsucht verband. Als sich Gedenkjahr und dito Ausstellungen dem Ende näherten, musste das liebliche Paretz, wo ihre Kleider zu bewundern waren, Parkplätze zur Verfügung stellen wie bei einem Formel-1-Rennen. Von Hitler im Deutschen Historischen Museum ganz zu schweigen. Dessen dunkler Faszination erliegen die Deutschen wie die Touristen, die alten wie die jungen, doppelreihenweise.

Und wenn es keine Schlangen gibt? Dann geht der Berliner eben nicht hin. Die Weltwissen-Ausstellung im Gropius-Bau, der Höhepunkt des Wissenschaftsjahres, hat es in drei Monaten auf schlappe 50 000 Besucher gebracht – Kahlo auf 240 000. Gut, unter den Bildungs-Habitués der Stadt wird die Frage herumgereicht, wie oft man die sensationelle Ausstellung schon gesehen hat. Aber ansonsten kümmert die aufwendige Vorführung der Berliner Wissenschaftslandschaft vor sich hin.

Läuft nur noch, was sich als Event verkaufen lässt? Kahlo oder Adolf, aber nicht singuläre Zeugnisse einer Wissenskultur wie das Notizbuch, das die Denkspuren des großen Albert Einstein aufbewahrt, der Küchentisch, an dem Emil Du Bois-Reynolds die Physiologie revolutionierte, oder, ach ja, die Lederjacke, in der Rudi Dutschke an den Universitäten für Wirbel sorgte. Zugegeben, einfach macht es die Ausstellung dem Besucher nicht. Aber sie entschädigt mit einem grandiosen Blick in die Höhen und Weiten der Tätigkeit des Menschengeistes. Und mit einem Gefühl, das hierorts eher rar ist: Staunen und ein bisschen Stolz auf eine Stadt, in der so viel gedacht, erforscht und erfunden worden ist. Ein Lernort für die Universitäts- und Studentenstadt Berlin. Denkt man. Aber die ist ja voll beschäftigt mit Strukturen und Förderungen, Pisa-Krise und Bachelor-Streit. Da übersieht man leicht, was im Mittelpunkt stehen sollte, was die Ausstellung vorführt: die Wissenschaft selbst, Nachdenken und Aufklärung, Suchen und Finden, das Lehren und Verstehen.

Was Weltwissen bietet, wird man nicht noch einmal zu sehen bekommen. Weshalb gilt, dass, wer nicht in der Ausstellung war, die in gut einer Woche schließt (siehe auch Seite 24), ganz einfach etwas verpasst hat. Ein Vorwurf, mit dem der richtige Berliner schlecht leben kann. Hermann Rudolph

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