Anhalter Bahnhof : Was wollen wir singen

Mit Knarre und Gitarre, Mensch Biermann, ist das lang her. Der Protestsong, der gute alte Liedermacher, nicht nur der Barde aus der Chausseestraße – wer erinnert sich noch? An „Bella Ciao“ und die „Moorsoldaten“, an „Wehrt euch, leistet Widerstand“, „Keine Atempause“ und die Anti-Akw-Ohrwürmer der Bots? Ist mit dem Ausstieg jetzt auch passé, das Singen gegen Atomkraft. „Was wollen wir trinken“ ertönt jetzt nur noch, wenn die TSG Hoffenheim ein Tor schießt.

Zwar gab es schon damals Leute, die Partisanengesänge, Che-Guevara-Hymnen und das ganze Revolutions- und Friedensgeklampfe schlimmer fanden als alle Pershings zusammen. Aber wenn am Sonnabend auf dem Berliner Poesiefestival der kubanische Liedermacher Silvio Rodríguez auftritt, flattert einem doch eine Brise Wehmut durchs Gemüt. Waren das Zeiten, zumal in Lateinamerika: Die Massen jubeln, johlen und schwingen die Fahnen, bloß weil ein einzelner, nicht gerade gut aussehender Mann auf der Bühne Akkorde auf der Gitarre zupft. Die Hoffnungslitanei „Ojalá“ zum Beispiel oder „Canción del Elegido“, man kann es auf Youtube sehen, sofort singen alle mit. Dabei sind es keine kämpferischen oder siegesgewissen Verse, die den Bauernsohn berühmt machten, sondern zarte, blumige, melancholische Texte. Planeten kreisen, Schmetterlinge schweben, die Revolution ist eine große, vergebliche Liebe, der Revoluzzer ein Romantiker, und höchstens fällt mal ein Schuss aus Schnee.

Die Troubadoure aus Kuba, Argentinien (Mercedes Sosa!) oder Chile (Victor Jara, dem sie vor seiner Ermordung die Hände zerschlugen) hatten den Blues. Sie wussten um den Tod, der ihren Freiheitsdurst anstachelte. Nie wieder gab es seitdem eine derart zauberhafte Liaison zwischen Poesie und Politik, (die Wolf Biermann, das muss man ihm lassen, auch im Deutschen anklingen ließ). Und die jüngeren Politsounds, der Punk, Hip-Hop, die Dixie Chicks? Alles gut, alles cool, aber für echte Revolutionen einfach zu laut.

In der Antike war jeder Dichter ein Sänger. Worte mit Gewicht galten schon damaligen Ohren als die reinste Musik. Lieber die hohe Kunst der Verführung als plumper Agitprop. Politik, auch das stimmt, soll aber gar nicht verführen, sondern überzeugen – mit der Kraft des Arguments, nicht der Macht des Gesangs. Schmetterlinge im Bundestag sind trotzdem ein schöner Gedanke.

Silvio Rodríguez sitzt heute im kubanischen Parlament; mit der Freiheit ist es dort nicht weit her. Und nach dem Sieg? Sitzt Troubadix mit seiner Klampfe im Baum und darf die Feier mal wieder nicht stören. Christiane Peitz

Autor

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben