Anhalter Bahnhof : Wer mit dem Wulff tanzt

Ein unwilliges Grummeln, ein leises Stöhnen geht durch den Saal, als der Ehrengast angekündigt wird. Höflichkeitsapplaus. Der niedersächsische Ministerpräsident betritt die Bühne. Von den hinteren Reihen ruft jemand dazwischen, es klingt wie „Gauck ist besser“. Jetzt wird der Applaus etwas stärker. Wenigstens die Heimspiele sollte man gewinnen, wenn man höchste Ämter anstrebt und die Stimmung im Land eine andere ist als das Stimmenverhältnis in der Bundesversammlung.

Am Dienstag hat Christian Wulff „Movimentos“ in Wolfsburg besucht; ein international hochklassiges Tanzfestival, das selbst verwöhntes Hauptstadtpublikum aus Berlin anzieht. In diesem Jahr steht „Movimentos“ unter dem Motto „Mut und Demut“. Wulff spürt, dass er hier besser leise auftritt. Als Bundespräsident in spe ist er ein politischer Paria, ein Solotänzer, der das Zurück- und Vortreten, den Wechsel leicht verstolpern kann.

Kein Eklat, aber auch weit von einem Triumphzug entfernt: Beim Termin in der Autostadt wirkt Wulff noch junggesichtiger als sonst, noch kontrollierter, was auch schnell ins Provozierende umkippt. Dieses gescheitelte Schaulaufen mit angezogener Bremse. Bis zum 30. Juni zählt jeder Schritt, wie beim Ballett.

„Das ist für mich kein einfacher Abend“, sagt er und versucht eine kleine rhetorische Pirouette; es soll ja originell klingen, wegen der Künstler. „Ich bin 50, wie das Nederlands Dans Theater“, lächelt Wulff ins Mikrofon, und weil also die weltberühmte Compagnie aus Amsterdam jetzt auch einen runden Geburtstag feiert, hat Wulff sich gedacht, „dass ich mir hier für die nächsten Wochen ein paar Anregungen holen könnte“. Im Übrigen hofft der Regierungschef aus Hannover, „dass er in dieser oder einer anderen Funktion“ wieder einmal zum Tanz in die Autostadt kommt, dann hoffentlich auch mit seiner Frau. Sie ist nicht dabei. Die Fotografen sind enttäuscht.

Anregung vom Tanz. Das ist kühn. Hätte man von Wulff nicht gedacht. Da muss man aufpassen, dass die Sache nicht schon sprachlich danebengeht. Neverland oder so, ein Sprung ins Niemandsland. Aber will man das wirklich, Politiker, die sich mit Tänzern vergleichen? Die einander verfolgen, umkreisen, umwerben, abstoßen, erschöpfen? Haben wir doch alles bereits in der Regierung, nur leider nicht so athletischsexy-schön wie vom Nederlands Dans. In dem Stück „Subject to Change“ ringen zu Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ fünf Männer um eine Frau – und mit ihr. Auch Wulff hat gesehen, wer gewinnt. Die Frau. Und die Kunst sowieso. Rüdiger Schaper

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