Anhalter Bahnhof : Wien bleibt doch Berlin

Wiener und Berliner sind sich traditionell in einer Art Hassliebe verbunden – vielleicht weil sie einander stärker ähneln, als ihnen lieb sein dürfte. Schon Joseph Roth, der 1920 aus Wien nach Berlin kam, um zum bestbezahlten Journalisten der Weimarer Republik aufzusteigen, klagte, Berlin sei „die Hauptstadt ihrer selbst“, die „keine Kultur, keine Religion, keine Gesellschaft“ besitze. Eine Einschätzung, die sich auch subtiler formulieren lässt. „In Sachen Freundlichkeit kann der Berliner dem Ostdeutschen zugerechnet werden“, hat jetzt die aus Wien stammende Schriftstellerin Eva Menasse gesagt.

Was sie damit meint, ist in einem von ihr herausgegebenen Wien-Buch (Wien, Küss die Hand, Moderne. Corso Verlag Hamburg, 160 S., 24,95 €) nachzulesen, das die seit 2003 in Berlin lebende Autorin am Dienstag in der überfüllten Österreichischen Botschaft vorstellte. Von „grantigen, griesgrämigen Menschen“ in „geheimnisvoll abblätternder alte Bausubstanz“ ist dort die Rede. Das klingt wenig angenehm, muss aber als verkappte Liebeserklärung verstanden werden. Denn die berüchtigte Berliner Kodderschnauze ist das Gegenstück zum berühmten Wiener Schmäh mit seiner, so der Philosoph Rudolf Burger, „zähnefletschenden Herzlichkeit“. Allerdings ist der Wiener Humor nicht so plump wie der Berliner, er arbeitet mit Verbal-Anarchie, Sprachspielen und einer Gemeinheit, die so fein ziseliert daherkommt, dass das Opfer sie nicht einmal erkennt.

Schön ist die Anekdote von der deutschen Studentin, die sich von Wiener Kommilitonen mit „Sakalaa“ zu verabschieden begann. Sie hatte die Abschlussfrage der Supermarktkassiererinnen, „Sackerl aaa?“ („Tüte auch?“), für einen Gruß gehalten. Die angeblichen Freunde grüßten fortan mit „Sakalaa“ zurück und amüsierten sich prächtig.

Dem Berliner Schriftsteller Thomas Kapielski, der bei einer „Kaffääfahrt“ für den Wien-Band Mokka-trinkend bis fast zum Herzinfarkt Kaffeehäuser testete, hat dort vor allem das „Prinzip des Verranzten“ gefallen, das ihn an verwohnte Berliner Kneipen erinnerte. Dass er an Institutionen wie dem Café Tirolerhut das „ausgezehrte Parkett“ und den „temperamentfahlen Charme Osteuropas“ lobte, brachte ihm nach einem Vorabdruck im Wiener „Standard“ Internet- Kommentare wie „Berliner sollten in Wien Lokalverbot haben“ oder „Kriech zurück, wo du herkommst“ ein.

Der Kaffeehaus-Tourist war Opfer der „Piefke-Phobie“ (Eva Menasse) geworden. Ob er trotzdem nach Wien ziehen würde? Kapielskis Antwort: „Wenn jemand eine attraktive Stelle für mich hat, bin ich sofort da.“ Christian Schröder

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