Anhalter Bahnhof : Wir müssen draußen bleiben

Anhalter Bahnhof

Es ist eins der letzten großen Rätsel der Kulturwelt, eine Frage, die sich jeder wohl schon einmal gestellt hat, der klassische Konzerte, Opern- oder Theatervorstellungen besucht: Was machen eigentlich die Platzanweiserinnen und Platzanweiser während die Vorstellung läuft? Flirten sie mit den Garderobieren und Barmännern, vertiefen sie sich in mitgebrachte Bücher, lauschen sie sehnsüchtig an den Türen zum Saal? Oder dösen sie nur vor sich hin?

Was sind das für Leute, die sich allabendlich in dienstbare Geister des Hochkulturbetriebs verwandeln? Wie verbringen sie ihre Tage? Sind es Studenten, die sich etwas dazuverdienen müssen, machen sie den Job, weil ihre wahre Leidenschaft einer brotlosen Kunst gehört? Oder haben sie womöglich mit dem, was hier geboten wird, gar nichts am Hut?

Fragen, die geradezu nach einer großen Foyer-Reportage schreien. Doch leider scheuen die Arbeitgeber des Vorderhauspersonals das Rampenlicht, zumindest jene in der Berliner Philharmonie. „Nach der Firmenphilosophie von Artis sehen wir uns als Dienstleister eher im Hintergrund tätig und beanspruchen keinen Platz in der ersten Reihe“, wurde das Gesuch des neugierigen Journalisten abschlägig beschieden. Schade.

Zu gerne wäre man dem Gerücht nachgegangen, die Zusammenballung junger, zumeist überdurchschnittlich gut aussehender Menschen, die zwischen Vorstellungsbeginn und Schlussapplaus jede Menge Wartezeit zu überbrücken haben, sei in Wahrheit vor allem eine attraktive Partnerbörse. Kollegen jedenfalls wissen von Herzen, die sich während des Abenddienstes gefunden haben.

Nun ja, ein klein wenig Licht wird am kommenden Dienstag ins Dunkel des so hilfsbereiten wie zum Schweigen verpflichteten Berufsstandes fallen. Dann nämlich gestaltet ein Teil des Artis-Teams eins der beliebten kostenlosen Lunchkonzerte in der Philharmonie. Und sie pfeifen dabei keineswegs auf Saaltürschlüsseln oder rascheln im Takt mit Programmheft-Remittenden. Nein, sie beherrschen echte Instrumente auf professionellem Niveau.

Ein Bassposaunist wird seinen dunklen Ruf im Foyer erschallen lassen, gleich mehrere musisch geschulte Mitarbeiter bearbeiten die Klaviatur eines Flügels. Und dann gibt die Sopranistin Agnieszka Siewiec noch einen Hinweis auf die zweifellos angenehmste Beschäftigung, die sich während der Dienststunden draußen vor der Saaltür denken lässt. Aus Franz Lehárs „Giuditta“ singt sie: „Meine Lippen, sie küssen so heiß.“ Frederik Hanssen

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