Anhalter Bahnhof : Zur grünen Auster

Eigentlich, entschuldigt sich Jürgen Trittin für seine Anwesenheit beim „Grünen Kulturabend“ in der „Auster“, müsste er jetzt ganz woanders sein. Nämlich in Anton Tschechows „Kirschgarten“ beim Berliner Theatertreffen. Die jährliche Branchen-Leistungsschau versammele schließlich nicht nur die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen der Saison, sondern auch jede Menge „schöner Traditionen“. Zum Beispiel, dass Claus Peymann – der Chef des zum wiederholten Mal nicht eingeladenen Berliner Ensembles – lautstark alles „Mist“ findet.

Aber Trittin kann nicht zu Peymann und Tschechow, weil die Grünen im Restaurant des Hauses der Kulturen der Welt ihren eigenen „Kirschgarten“ geben: Einen ökologisch korrekten „Austausch zwischen Künstlern, Kulturinstitutionen und Grünen verschiedenster Ebenen“. Was bei dieser grünen Tschechow-Variante fehlt, sind in der Tat die Buh-Rufer: Claus Peymann wurde ebenso wenig gesichtet wie viele andere Intendanten-Kollegen. Und was sie erwartet, falls die Grünen „die Mehrheitsverhältnisse mal ändern“ und derartige Partys künftig „drüben im Garten“ stattfinden – wie Trittin mit Fingerzeig in Richtung Bundeskanzleramt grinsend antizipiert –, war an diesem Abend gut zu erkennen. Erstens spricht einiges dafür, dass die Peymänner sich warm anziehen müssen, weil die Grünen die Frauenquote freiwillig übererfüllen könnten. Abgesehen von deren kulturpolitischer Sprecherin Agnes Krumwiede, die sich als ausgebildete Pianistin gleich selbst mehrfach ans Piano schwingt, ist auch unter den Choreografinnen, Musikerinnen und Sängerinnen, die zwischen Vorspeise, Hauptgang und Nachtisch in der „Auster“ Treppen hochtanzen oder George Gershwins „Porgy and Bess“ intonieren, kein einziger Mann.

Zum Zweiten blüht uns bei grünen Mehrheitsverhältnissen eine handfeste Brecht-Renaissance: „Die heilige Johanna der Alternativenergie“ hätte beste Chancen auf das „Stück des Jahres“. Die ehemalige Dortmunder Kindertheater-Dramaturgin und Grünen-Vorsitzende Claudia Roth lässt im Gespräch mit Hermann Wündrich – Dramaturg am Berliner Ensemble – nicht locker: „Wie kann man mit Mitteln des Theaters eine Katastrophe wie Fukushima darstellen?“ Wündrich streicht sich beruhigend durch den grauen Bart: Solche Tragödien habe die Dramatik längst antizipiert; da bräuchte man lediglich Harald Müllers „Totenfloß“ von 1984 wieder aus der Schublade zu holen. Im Übrigen wünscht er sich, „dass die Theater nicht so unterfinanziert sind. Den Rest machen wir schon.“ Christine Wahl

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