Anhalter Bahnhof : Zur schönen Aussicht

Vorfreude ist bekanntlich die chaotischste Freude. Noch richtet sich der Blick mit blanker Neugier auf das Kulturjahr 2012: Die Premieren, Jubiläen und Highlights stehen wild durcheinander ins Haus, eines so begehrt wie das andere. Da buhlt „Skyfall“, der neue James Bond, ebenso um Aufmerksamkeit wie der gute alte Karl May, der vor 100 Jahren in die ewigen Jagdgründe einging. Friedrich der Große, Charles Dickens und Gerhard Richter feiern runde Geburtstage, auch die Diven lassen bitten: Marlene Dietrich stieg vor 20 Jahren, Marilyn Monroe vor einem halben Jahrhundert ins Reich der Unsterblichen auf.

Die Popwelt freut sich gleich im Januar auf das Album mit Lana Del Reys himmlischer Stimme, zur Berlinale gibt Shah Rukh Khan sich die Ehre, im Mai lädt Bruce Springsteen ins Olympiastadion, und die 13. Documenta in Kassel hat gleich 100 Künstler zu bieten. Der Buchmarkt verspricht mehr Autobiografisches (Kachelmann!), Salzburg noch mehr Festspielglamour, auch wirft das Wagner-Jahr 2013 seine Schatten voraus, jedenfalls im süddeutschen Raum.

Nur das Kino lässt sich etwas lumpen, kündigt Sequels in Serie an, von „Men in Black 3“ über „Ice Age 4“ bis zum Finale der „Twilight“-Saga. Aber immerhin schickt Peter Jackson seinen funkelnagelneuen „Hobbit“ ins Rennen, Helmut Dietl präsentiert mit „Zettl“ die hoffentlich ultimative Berlin-Satire mit Michael Bully Herbig, und der „Wolkenatlas“ von Tom Tykwer und den Wachowskis ist für den späteren Herbst annonciert.

Apropos Berlin: In der Kulturhauptstadt ticken die Uhren bekanntlich anders. Hier beginnt die neue Zeit (nach dem 2011er-Jahr der Designierten) so richtig erst im September. Thomas Oberender macht als neuer Leiter der Festspiele zu Jahresbeginn den Vorreiter, nach der Sommerpause hagelt es dann förmlich neue Chefs. Dietmar Schwarz kommt an die Deutsche, Barrie Kosky an die Komische Oper, Annemie Vanackere ans HAU, Ivan Fischer tritt am Konzerthaus an und Tugan Sokhiev am Pult des DSO.

Schöne Aussichten also. Und beste Voraussetzungen für den Weltuntergang, den die Maya für den 21. Dezember 2012 prophezeien. Panik auf der Titanic? Fürs Amüsement bis zum Crash ist gesorgt. Christiane Peitz

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