Zeitung Heute : Animationsfilm: Wenn sich dem Computer die Haare sträuben

Gregor Wildermann

Es hätte eigentlich alles ganz anders kommen können. Die japanische Firma Denyusha mühte sich verzweifelt, für diverse Videospiele eine Käuferschaft zu finden. Kurz vor dem Bankrott unternahm man 1987 mit dem Rollenspiel "Final Fantasy" einen sprichwörtlich letzten Rettungsversuch. Und sein Erfinder Hironobu Sakaguchi hatte Glück, denn es wurde ein voller Kassenerfolg. Bis heute konnten von der zehnteiligen Spielserie weltweit knapp 34 Millionen Spiele verkauft werden.

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IFA 2001 - Technik, Tipps und Trends Der seit Donnerstag auch in den deutschen Kinos angelaufene Animationsfilm "Final Fantasy - Die Mächte in Dir" ist für Skaguchi die Umsetzung eines weiteren lang gehegten Traums: Die Animation von fotorealistischen Menschen in einem Abend füllenden Kinospielfilm. Mit dem finanziellen Erfolg der Spielserie und dem Ehrgeiz von rund 200 Computeranimateuren im Rücken richtete man sich vor drei Jahren in Honolulu auf Hawaii mit einem komplett neuen Studio ein. Die recht lange Produktionszeit und Gesamtkosten für Studio und Film von fast 150 Millionen Dollar lassen aber schon ahnen, das die so oft beschworene Arbeitslosenschwemme unter menschlichen Schauspielern kaum eintreten wird. Denn im Prinzip wird für einen Digitalanimationsfilm wie "Final Fantasy" gleich die doppelte Arbeit geleistet und neben den Aufnahmen der Stimmen stehen ganz am Anfang fast ganz gewöhnliche Kameraaufnahmen.

Dort wo früher auf Hawaii für Fernsehserien wie "Magnum" die Kulissen standen, wurde auf einem 8 mal 10 Meter großen Areal die neue unsichtbare Fantasiewelt aufgebaut und durchschritten. Jede Tür, jedes Fahrzeug oder jedes sonstige Hindernis musste dort in seiner Grundform aufgebaut werden. Jeder Charakter im Film wurde bis auf die Ausnahme von Dr. Aki Ross und der Soldatin Jane Proudfoot durch jeweils einen eigenen Darsteller ausgeübt. Die unbekannten aber durchaus nicht ungeübten Schauspieler trugen dabei schwarze Ganzkörperanzüge, die mit weißen Markierungspunkten besetzt sind. Über das Motion Capturing-Verfahren, zu Deutsch am besten mit Bewegungsverfolgung übersetzt, können alle gröberen motorischen Abläufe aufgezeichnet werden. Insgesamt 16 Kameras leiten die aufgezeichneten Markierungspunkte als Daten an den Computer weiter, auf dessen Basis dann die fiktiven Charaktere die Grundmuster ihrer Bewegungen erlernen.

Abseits dieser individuellen Verhaltensmuster war jedoch die realistische Darstellung der Gesichter die größte Herausforderung für das Animationsteam, das im Falle der jungen Filmheldin Aki Ross vom Leaddesigner Roy Sato geleitet wurde. Als ein Teil seiner komplexen Arbeit entwickelte er eine spezielle Software für den Glanz in ihren Augen, fügte dem Gesicht Hautunreinheiten zu und steuerte nach 50 verschiedenen Voreinstellungen die Mimik des Gesichts von Aki.

Während ihr Filmpartner Dr. Sid täuschend real aussieht und sich auch so bewegt, hat Aki in der Geschichte aus dem Jahr 2065 allerdings leider immer noch den Ausdruck einer Barbiepuppe. Dieses Problem muss auch Hironobu Sakaguchi im Interview eingestehen. "Beim Gesichtsausdruck haben wir die Natur vielleicht erst zu 30 Prozent erreicht. Wenn der Mensch spricht, bewegt sich ja nicht nur der Mund insgesamt, sondern auch die Lippen in ganz kleinen Details. Insgesamt haben wir deshalb versucht, den Film so aufzunehmen, als sei er mit einer echten Kamera aufgezeichnet. Wir haben manche Dinge sogar noch extra nachbearbeitet, um Unregelmäßigkeiten einzubauen, die auch in der Fokussierung auffallen."

In der frühen Produktionsphase erwiesen sich die neuen Darstellungsmöglichkeiten stellenweise auch als Problem. Sakaguchi griff mit seinem Team deswegen schon recht früh zu einem kleinen Kunstgriff: Bei allen Voreinstellungen von Szenen mit Aki musste sie mit Glatze auftreten, damit diese Szenen schneller berechnet werden konnten. Die 60 000 Einzelhaare von Aki nahmen vom fertigen Film fast 25 Prozent der Rechnerzeit in Anspruch. Spätestens hier diktierte der Stand der Technik also auch inhaltliche Entscheidungen. Und wenn alle anderen Charaktere im 90-Minuten-Werk eine Kurzhaarfrisur haben, war dies eben kein kreativer Entschluss, sondern eine nötige Einschränkung an Kosten und Zeit.

Spricht man mit Sakaguchi auf die Anlehnung an bekannte Hollywood-Stars an, weist er auf seine eigenen Filmvisionen hin: "Ich hatte nicht den Traum, berühmte Schauspieler zu digitalisieren, sondern meine eigenen Charaktere zu erschaffen. In Zukunft müssen wir unsere Figuren aber noch realitätsnäher machen, bis wirklich kein Unterschied mehr zu erkennen ist."

Eine Art Blick in die Zukunft ist auch die kommende DVD des Films, die in den USA bereits am 23. Oktober herauskommt. Auf der ersten Disc befindet sich der eigentliche Film sowie eine Version, bei der parallel zum Film die Storyboardbilder und ersten CGI-Testeinstellungen gezeigt werden. Neben einer sehr unterhaltsamen Hommage an das Thriller-Video von Michael Jackson mit allen Charakteren aus dem Final Fantasy-Film findet sich auf der zweiten DVD neben anderem Zusatzmaterial das eigentliche Highlight: Eine Version des Films mit zwei Szenen von etwa drei Minuten Länge, in denen der User den Kamerawinkel, die Beleuchtung und weitere Elemente komplett ändern kann.

Mit solchen interaktiven Möglichkeiten könnte auch die Strategie von Sony aufgehen, die die passende Zielgruppe vor der heimischen PlayStation2-Konsole und auch im Kinosaal sieht. Wäre eine solche Symbiose zwischen Videospiel und Kinofilm dann auch im Filmsaal möglich? Produzent Jun Aida sieht da eher die Grenzen des Mediums und seiner Präsentationsform: "Ich glaube nicht, dass Menschen tatsächlich einen interaktiven Kinofilm sehen wollen, dies zu Hause aber sehr gerne machen würden. Wenn ich im Kino sitze, will ich nicht mit hundert anderer Leute aktiv in den Film eingreifen, ich will mich zurücksetzen und Spaß haben."

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