Zeitung Heute : Ankunft im zweiten Leben

Wacklig auf den Beinen, Ringe unter den Augen – genau um 14 Uhr 25 sind René Bräunlich und Thomas Nitzschke wieder im Land

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Peter Bienert schlief meistens tief, trotz der Angst um das Leben seiner Mitarbeiter, trotz der Sorgen um die Firma. Vor 14 Tagen aber hat Bienert einen seltsamen Traum. Er sieht René Bräunlich und Thomas Nitzschke, sie sind wohlauf und lachen, Bienert selbst fühlt sich in diesem Traum leicht und unbeschwert. Dann wacht er auf. Er ist sonst kein Mann, der Gefühle zeigt, er versteckt sie hinter seiner bergigen Fassade, seiner Bulligkeit. An diesem Mittwoch aber erzählt Bienert seine Geschichte, die Zeit ist reif dafür. Gerade ist die Sonne über Leipzig aufgegangen und die Gewissheit, dass die Geiseln frei sind, wurde nicht über Nacht zerstört. Bienert steht wie so oft in den letzten Wochen vor der Nikolaikirche, sie ist seine Kraftquelle. Er hat Tränen in den Augen. Damals, nach dem Traum, ist er morgens in die Firma gekommen und hat von seinem Traum erzählt. Danach haben alle betreten geguckt.

Es war immer schwerer geworden, die Hoffnung auf ein gutes Ende aufrechtzuerhalten.

Es war ja nicht so, dass die Mahnwachen für René Bräunlich und Thomas Nitzschke stetig neuen Zulauf hatten. Mal waren es bis zu 400 Menschen, meistens aber waren es viel weniger. Peter Bienert hatte immer betont, es gehe nicht um die Masse, aber viele, auch in Berlin, hatten bemerkt, dass keine deutschlandweite Solidaritätsbewegung für die Geiseln in Gang gesetzt werden konnte; die ohnmächtigen Hinweise auf die Demonstrationen in Italien für die Journalistin Giuliana Sgrena halfen da wenig.

Bienert kam stets spät von seiner Firma Cryotec aus Bennewitz zu den Mahnwachen und den Gebeten, der Gang gebeugt, die Schultern hochgezogen. Hinterher musste er sich unzähligen Mikrofonen stellen wie ein Sprechautomat, musste Statements abgeben wie Politiker und über Hoffnung reden wie ein Pfarrer. In einer stillen Minute verriet der Starke: „Ich schwanke zwischen Hoffnung und Depression, immer wieder Hoffnung, dann die Depression.“ Dazwischen Niemandsland.

Pfarrer Christian Führer musste dieses Niemandsland betreten, es ausfüllen mit Glauben. Führer trägt an diesem Mittwoch wie immer eine verwaschene Jeans und eine abgewetzte braune Lederjacke. Er kennt die versteckten Emotionen Bienerts, er weiß um die Gewichte auf den Schultern aller Betroffenen. Er selbst, der Vater der Leipziger Friedensdemonstrationen von 1988 und 1989, war ja auch nicht immer nur voller Hoffnung, musste aber Hoffnung mehren. Er sprach Sätze wie diesen: „Da liegen wir vor dir, Gott, mit unserem Gebet und vertrauen auf deine Barmherzigkeit.“

Nichts anderes blieb. „Es war eine Belastung, diese Hoffnung am Leben zu halten“, sagt Führer und spricht über die „Angst, die immer mit dabei war“. Immerhin – das waren exakt 99 Tage. Sie haben hier an der Nikolaikirche schon gestanden, als es noch schneite und bitterkalt war. Die Aufmerksamkeit für die Entführten war gering, trotzdem entdeckt der Pfarrer von Nikolai heute Vergleichbares zu den Friedensdemonstrationen von ’89: „Zum zweiten Mal haben die Menschen nicht aufgegeben und gewonnen. Sie haben bewiesen, dass der Glaube, wie Jesus sagt, Berge versetzen kann.“

Führer ist nicht nur Pfarrer, er ist auch eine Art Politikum in Leipzig. In der Nacht noch hat ihn Außenminister Steinmeier aus Chile angerufen, weil er doch versprochen hatte, beim Dankgottesdienst dabei zu sein. „Stellt euch mal vor, so ein Gespräch zu DDR-Zeiten“, schwärmt Führer nach dem Telefonat, „ein Minister redet über tausend Ecken mit einem Pfarrer.“ Steinmeier hatte darum gebeten, den Termin auf Sonntag zu verlegen, aber Führer musste dem Minister mitteilen, dass er da schon feste Termine habe, Konfirmationen und Gottesdienste, nur der Montag gehe. Und so muss nun Frank-Walter Steinmeier, schweren Herzens übrigens, doch einen Stellvertreter schicken, weil er selbst am Montag schon auf dem Weg nach Washington ist – und ziemlich genau von jenem Punkt aus wird der Minister seine Regierungsmaschine besteigen, Flughafen Berlin-Tegel, militärischer Teil, an dem René Bräunlich und Thomas Nitzschke an diesem Mittwoch, exakt um 14 Uhr 25 wieder ihre Füße auf deutschen Boden setzen.

Ein wenig wacklig wirken die ersten Schritte, die die beiden an der Seite von Reinhard Silberberg, dem Leiter des Krisenstabs, auf die auf dem Rollfeld aufgestellten Mikrofone zu tun; insbesondere Bräunlich hat tiefe Ringe unter den Augen. Doch über die sichtbare Erschöpfung schiebt sich, ebenso sichtbar, die Dankbarkeit, dass alles noch einmal glimpflich ausgegangen ist. Dankbarkeit, dass sie noch am Leben sind, wie Thomas Nitzschke sagt, „was für uns nicht selbstverständlich war“. Eine eigentümliche, fast andächtige Stille liegt in diesen kurzen Momenten der wenigen Worte über dem frühlingswarmen Flughafengelände, und selbst die sonst so hartgesottenen Fotografen rufen eine Spur zurückhaltender als sonst „Jungs, Jungs“, um letzte Bilder zu machen, bevor die Heimkehrer nach genau sieben Minuten vor den Augen der neugierigen Welt in einen dunklen Renault einsteigen.

Ein paar Tage Abgeschiedenheit, Ruhe mit ihren Familien, soll ihnen nun verordnet werden. Noch von der deutschen Botschaft in Bagdad aus hatten sie am Dienstagabend mit ihren Lieben daheim erstmals telefonieren können. Und nun müssen alle gemeinsam die Bilder abgleichen, die sie im Kopf haben von den 99 Tagen der Angst: die Familien, die nur die Standbilder des Schreckens kennen, die Fotos von den Entführervideos, und die beiden Ex-Geiseln, die den rasenden Film dahinter kennen lernen mussten. Es sind Erinnerungen, die Bräunlich und Nitzschke so schnell nicht loslassen werden, auch wenn ihre sehr glatt rasierten Gesichter bei der Ankunft schon ein erstes Zeichen sein mögen, dass sie nichts mehr gemein haben wollen mit jenen bärtigen Opfern, die sie vor kurzem in den Videos ihrer Entführer noch waren.

Doch bei aller Ruhe im Kreise der Familie – sie werden mitbekommen, dass die politische Diskussion über die Frage, wie sich Deutschland generell in Geiselfragen verhalten muss, quasi in jenem Moment losging, in dem die Nachricht von ihrer Befreiung über die Agenturen lief. In Berlin äußert am Morgen nach der Freilassung der irakische Botschafter Alaa al Haschimi die Vermutung, dass auch im Fall von Bräunlich und Nitzschke „eine Menge Geld“ geflossen sein muss. Der Botschafter spricht letztlich nur aus, was viele ohnehin vermutet haben. Bräunlich und Nitzschke sind noch auf dem Rückflug nach Deutschland, da ist die spekulative Nachricht von einem Lösegeld in eventuell zweistelliger Millionenhöhe längst auf dem Markt.

Gernot Erler, Staatsminister im Auswärtigen Amt, spricht am Mittwoch davon, dass sich im Irak eine regelrechte „Geiselindustrie“ entwickelt habe. Und Rolfeckhard Giermann, ein Berliner Geschäftsmann und Irak-Kenner erzählt, es habe seit Anfang des Jahres etwa 25 000 Entführungen gegeben, in den allermeisten Fällen träfe es Einheimische. Mancher sei schon für 500 Dollar freigekommen, er wisse aber auch von einer „Multimillionärsfamilie“, die zwei Millionen Dollar für die Freilassung eines Familienmitglieds bezahlt habe. Giermann hält es für „gut möglich“, dass die Entführer „die Preise hochgetrieben haben“, als sie erfuhren, dass es Deutsche sind.

Im Fall von Bräunlich und Nitzschke hat die kriminelle Energie der Entführer Zeit gekostet – immer wieder neu musste um Mittelsmänner und Lösegelder verhandelt werden –, es hat den beiden Deutschen aber wohl auch das Leben gerettet, dass es „nur“ Kriminelle waren und nicht politisch motivierte Gewalttäter. An die, sagt Staatsminister Erler, sei praktisch kaum heranzukommen.

Aber auch so war es ein hartes Stück Arbeit für den Krisenstab, der im Auswärtigen Amt am 24. Januar, dem Entführungstag, eingerichtet worden war. Es habe „eine ganze Reihe von Wochen“ gegeben, berichtet Erler, „in denen praktisch überhaupt keine brauchbaren Verbindungen in die Nähe der Entführer hergestellt werden konnten.“ Erst vor kurzem sei es gelungen, über Mittelsmänner Kontakte herzustellen. Verschlungene Wege sind gegangen worden, und dass sie ohne die Hilfe der Amerikaner im Irak womöglich nicht gefunden worden wären – auch das ist eine Erkenntnis, die an diesem Tag durchsickern darf. Ein „Puzzlespiel“ sei es gewesen, sagt Erler.

Noch aber liegen nicht alle Puzzleteile an ihrem Platz, und so ist Gelegenheit, das unvollständige Bild aus unterschiedlichen Perspektiven zu interpretieren. In Leipzig sagt Pfarrer Führer, die Stadt habe bewiesen, dass in Zeiten von reiner Geldgier Nächstenliebe, Solidarität und Mitgefühl noch am Leben seien. Das ist auch ein politisches Statement. Im Auswärtigen Amt ist man froh, dass sich die Solidarität zwar auf ein für die Familien wohltuendes Maß eingepegelt habe, Demonstrationen, die eine größere internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätten, aber unterblieben sind. Auch das ist ein politisches Statement, allerdings hinter vorgehaltener Hand. Im Kabinett wiederum findet die Bundeskanzlerin die Anteilnahme der Leipziger „hilfreich“.

Es ist ja auch so, dass man, gottseidank, allenthalben noch keine Routine entwickelt hat, im Umgang mit einem derartigen „Drama“, wie es Krisenstabsleiter Silberberg bei Ankunft der Geiseln auf dem Flughafen Tegel genannt hat.

Schon gar nicht die, die am meisten gelitten haben – die Familien der Entführten. Öffentlich sind sie kaum aufgetreten, nur einmal haben die Mütter im Fernsehen an die Entführer appelliert, barmherzig zu sein. Ansonsten wurden sie abgeschottet, psychologisch betreut, und nur die Mutter von Bräunlich, eine schmächtige Frau mit einem fahlen Gesicht und wachen Augen, tauchte regelmäßig bei den Mahnwachen auf – demonstrativ. Auch weil die Familie von Nitzschke Cryotec-Chef Bienert Mitschuld an der Entführung vorgeworfen hatte. Ihre Vertraute, Cryotec-Prokuristin Karin Berndt, kann sich an lange Gespräche erinnern, in denen die Mutter immer stärker wurde. „Je länger die Entführung andauerte“, sagt Berndt, „umso stärker wurde sie.“

Aber nun müssen sie weg von dem, was geschehen ist, sie müssen in die Zukunft schauen. Karin Berndt ist selbst Mutter einer Tochter. Am Mittwoch sitzt die Frau mit dem rotgefärbten Haar in der Firma 25 Kilometer entfernt von Leipzig und überlegt, welchen Empfang man den beiden bieten kann. Der Firmensitz ist Bennewitz, irgendwann hat der Bürgermeister vor lauter Anfragen aufgehört, Interviews zu geben, aber die Bennewitzer sind zweimal die Woche mit Bussen zur Mahnwache gefahren und haben wie auch René Bräunlichs Fußballklub Grün-Weiß Miltitz mit Stolz das grüne Band der Hoffnung getragen, das Karin Berndt tausendfach produziert und verschenkt hatte.

Das Firmengebäude ist ein flacher, zweigeschossiger Bau. Auf dem Fensterbrett zur Straße sind Blumen angebracht, und in einer Klarsichthülle steckt ein grünes Blatt Papier, auf dem steht: „Wir freuen uns! Willkommen in der Heimat“. Das hat man auf die Schnelle am Abend zuvor rausgehängt, drinnen, direkt hinter dem Eingang, steht wie immer ein kleiner Tisch mit blauer Tischdecke und drei Muscheln, dazu eine Kerze. Karin Berndt sagt, es gehe ihr sehr gut, es sei ihr schönster Tag im Leben. Aber Berndt weiß auch, dass der Firma der schwerste Kampf noch bevorsteht. Berndt und Bienert wissen jetzt, dass die Mitarbeiter leben, ob aber die Firma überlebt, ist ungewiss. Der Irak war ihre Marktlücke. Bienert sagt: „Es ist ein zerschundenes Land, aber die Menschen sind es wert, dass man ihnen hilft.“ Cryotec hatte schon im Rahmen des UN-Programms „Öl für Nahrung“ im Irak gebaut, Sauerstoffanlagen für ein Krankenhaus zum Beispiel, die Anlage in Baidschi sollte der Durchbruch werden. Die Sicherheitsbestimmungen waren streng, und Bienerts Leute hatten dem Chef versichert, „es gibt keine Probleme“. Bienert hatte ihnen noch mit auf den Weg gegeben: „Traut euch bloß nicht aus dem Werksgelände raus.“ Er hatte geglaubt, es könne ausreichende Sicherheit geben, wenn man die Regeln beachte. Er musste zugeben, dass das naiv war.

Noch Stunden vor der Nachricht aus Bagdad habe die Firma einen neuen Auftrag bekommen, sagt Bienert, mit Irak habe der nichts zu tun. Aber noch steht ein größerer Betrag für den Job dort aus, der Firma droht nun die Pleite. Bienert will dennoch nicht ausschließen, dass man weiterhin im Irak tätig sein muss, wenn auch nicht mehr mit eigenen Leuten, sondern mit Mittelsmännern. Angeblich haben sich Banken bereit erklärt zu helfen. Die Solidarischen brauchen nun selbst Solidarität, sonst haben die Geretteten keinen Job mehr.

Mitarbeit: Heike Baldauf, Robert Birnbaum, Sven Goldmann, Hans Monath, Axel Vornbäumen

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