Anlagen : Am Sportwetten-Handel scheiden sich die Geister

Die Zertifikate-Branche läuft Sturm gegen eine Initiative der Berliner Effektengesellschaft. Die „Ex-tra Sportwetten AG“ in Wien hatte Sportwetten für die erste Fußball-Bundesliga in Deutschland kreiert und in Zertifikate verpackt.

Udo Rettberg

Der Finanz- und Börsenplatz Deutschland läuft Gefahr, ein Eigentor zu schießen. Denn die Zertifikatebranche – also die Emissionsbanken am Markt für Privatanleger-Derivate – läuft Sturm gegen eine Initiative der Berliner Effektengesellschaft, Sportwetten in der Form von Zertifikaten an Börsen zu handeln. Doch es scheint eher eine Art „Branchenzwang“ zu sein, der für die Anti-Haltung der Banken in der Öffentlichkeit ursächlich ist. „Ein Markt mit Zukunft“, sind sich nämlich zwei Derivate-Experten angelsächsischer Banken einig, die jedoch ihre Namen nicht genannt haben möchten.

Worum geht es? Die „Ex-tra Sportwetten AG“ in Wien, eine Tochter der Berliner Effektengesellschaft, hat – aufsichts- und gewerberechtlich völlig korrekt – Sportwetten für die erste Fußball-Bundesliga in Deutschland kreiert und in Zertifikate verpackt. Dabei werden Meister-, Platzierungs- und Abstiegszertifikate angeboten. Die „Tradegate AG Wertpapierhandelsbank“ in Berlin und Frankfurt ist Skontoführer des Produkts im Sekundärmarkt.

„Zunächst hatten die Börsen und Aufsichtsbehörden der Börsen keinerlei Bedenken“, sagt Jörg Franke, Aufsichtsratsvorsitzender des Berliner Finanzdienstleisters. Bis die Staatsanwaltschaft in Frankfurt plötzlich auf dem Plan erschien. Daraufhin veranlassten die Aufsichtsbehörden in Wiesbaden die Frankfurter Wertpapierbörse, den Handel in den bereits gelisteten Produkten auszusetzen und neu beantragte gleichgeartete Emissionen nicht in den Frankfurter Freiverkehr einzubeziehen. An der Berliner Börse werden die Sportzertifikate indes weiter gehandelt.

Was ist der staatsanwaltliche Ermittlungsgegenstand? „Es ist nichts Geringeres als staatlich besetzte Ethik, um deren Verteidigung es hier geht“, sagt Franke. Ein Verstoß gegen das staatliche Glücksspielmonopol führe nach § 284 StGB nämlich zur Strafverfolgung. „Hier wird vonseiten des Staates das Argument des Verbraucherschutzes vorgeschoben“, sagt ein amerikanischer Investmentbanker. Die staatlichen Lotteriegesellschaften würden jedoch für ihre Oddset-Fußballwetten seit Jahren ungehemmt Werbung machen. „Die Argumente der Politiker sind unter diesem Aspekt ein absoluter Witz“, sagt der Banker. Dass der Staat am Glücksspielmonopol festhalte, sei unter diesen Aspekten unverständlich, heißt es hinter der Hand in Bankenkreisen. Die Politiker hätten in anderen ehemaligen staatlichen Monopolbereichen wie der Telekommunikation und dem Bahnverkehr bereits vor Jahren Liberalisierungsschritte eingeleitet und auch in der Energiewirtschaft den Wettbewerbsgedanken festzuschreiben versucht. Dass Berlin eigennützig am staatlichen Wettmonopol festhält, löst bei privatwirtschaftlich organisierten Wettanbietern einen Sturmlauf aus. Diese erhalten inzwischen jedoch Unterstützung aus Brüssel; denn die dortigen Wettbewerbshüter haben die EU-Länder zu einer liberaleren Haltung in dieser Frage gedrängt.

Nun geht es bei den Überlegungen nicht nur um den Stand der hiesigen Zertifikatebranche, sondern vielmehr auf übergeordneter Ebene um den Finanz- und Börsenplatz Deutschland. Bei einer Verweigerung dieses neuen Sportzertifikate-Marktes droht diesem erneut wie in der Vergangenheit zunächst der Weg ins Abseits. Denn dort, wo Regierungen die Glücksspielgesetze liberaler handhaben und grünes Licht für Sport- und Wettbörsen gegeben haben, erleben diese Anlagemöglichkeiten einen exorbitanten Aufschwung. „Diese Märkte entwickeln eine solch ungeheure Dynamik, wie sie wohl niemand erwartet hat“, sagt Michael Mainelli von der britischen „Z/Yen Limited“.

Der Wirtschaftsprofessor am Gresham College in London ist sicher, dass diese Märkte schon in naher Zukunft in einem Atemzug mit den Finanzmärkten genannt werden. Genau genommen sei der Kauf einer Aktie nichts anderes als eine Wette, bricht Mainelli eine Lanze für Sportwetten. „Wettet nicht der Käufer einer Aktie darauf, dass der Aktienkurs steigt?“, ergänzt Jörg Franke.

Der Begriff Wette sei in diesem Kontext ein Ausdruck, dessen sich nicht nur die Finanzpresse, sondern auch die juristische Literatur durchaus zu Recht ganz ungeniert bediene. Beim Aktiengeschäft gehe der Käufer eine Wette gegen den ehemaligen Aktienbesitzer ein. Ähnlich sei die Motivation der Marktteilnehmer bei Sportwetten. In Deutschland sieht man das überwiegend (noch) anders – und dies, obwohl man sicher kein kann, dass diese und ähnliche Ideen an anderen Finanzplätzen mit Nachdruck umgesetzt werden: „Wir sehen durch börsennotierte Sportzertifikate Reputationsrisiken für unseren Zertifikatemarkt“, zeigt sich Heiko Weyand von Trinkaus & Burkhardt skeptisch. „Bei allem gebotenen Respekt vor gewachsenen Finanzmarktstrukturen und der wirtschaftlichen Sinnhaftigkeit der in den Finanzmärkten angebotenen und gehandelten Produkte: Man zeige mir ein Produkt, dessen Erstemission wie auch dessen Handel im Sekundärmarkt nicht auch von einer Wette der Beteiligten bestimmt wird“, sagt Jörg Franke. Als erster Vorstandschef der heute weltgrößten Terminbörse Eurex weiß Franke schließlich, wovon er redet.

„Noch deutlicher wird der Wettcharakter im Derivate-Markt bei Optionen, Futures, Optionsscheinen und auch bei Zertifikaten“, meint Franke, der als erster und einziger Deutscher bisher Mitglied in der globalen „ Hall of Fame of Derivatives“ ist. Bei der gerade bei Optionsscheinen und Zertifikaten herrschenden Vielzahl von Varianten lasse sich nahezu an jede „Spielart“ des Einsatzes denken. Der Anleger wette auf steigende, fallende oder weitgehend gleichbleibende Kurse. Und dies auf Indizes aller möglichen Basiswerte, auf Gold- und auf Gas, Öl, Kredit- und Versicherungsausfälle.

Und so finden Ökonomen durchaus zahlreiche volkswirtschaftliche Vorteile von Sportbörsen und Sportwetten. In der Vergangenheit haben deutsche und internationale Banken bereits eine Reihe strukturierter Produkte emittiert, deren Rendite in irgendeiner Form an Sportereignisse gekoppelt war. „Warum darf dann ein Zertifikat, das eben solche Ereignisse finanziert und damit zur wirtschaftlichen Basis von Fußballklubs beiträgt – nämlich das Spiel auf dem grünen Rasen – nicht an der Börse handelbar sein?“, fragt Franke. Denn je nach Struktur sind solche Finanzprodukte nicht nur zur Spekulation geeignet, sondern bei Entwicklung hin zu entsprechend liquiden Märkten auch zur Absicherung. Denn als Option ausgestattet, ist es das bisher bekannte einzige Produkt, das Fußballvereinen auf ihrem wirtschaftlichen Betätigungsfeld erlaubt, finanzielle Sicherungsgeschäfte einzugehen.

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