Zeitung Heute : Anlaufpunkt für Künstler aller Art

Martin Busche

"Eines Tages werden wir richtig wichtig werden." Klaas Glenewinkel ist Optimist. Er hat auch Großes vor: die "möglichst weltweite Vernetzung aller Medienschaffenden über das Internet". Doch erst einmal fängt er klein an. Seit gestern steht unter http://www.kulturserver.de ein Kulturserver für den Bezirk Mitte im Netz. "Unser Server will der Anlaufpunkt für Künstler aller Art sein", beschreibt Glenewinkel sein Konzept, das Sozialarbeiter wohl niedrigschwellig bezeichnen würden. "Denn der Kulturserver will keine Leuchtturmkunst promoten, sondern Künstler unterstützen, die vielleicht noch nicht so bekannt sind", erklärt Glenewinkel weiter. Und tatsächlich bietet der Server die Rundumversorgung. Einmal angemeldet, steht den Künstlern die große weite Welt des Netzes zur Verfügung. Neben einer eigenen E-Mail-Adresse existiert ein Baukasten, der Homepagebasteln kinderleicht macht, ein Newsletter, Chaträume, Jobbörsen und eine Art Marktplatz, auf dem alles unterkommt, was in keine Schublade passt. Sogar die Liveübertragung einzelner Veranstaltungen ist, per Web-Cam problemlos möglich. Das alles kostet nichts.

Finanziert wird der Server vom Kulturamt Mitte, das auch eine ABM-Redakteursstelle für das Projekt finanziert. Einen Job gefunden hat so der bekannte Publizist Hans Duschke, ein echter Kenner der Berliner Kulturszene. Er hilft beim Homepage-Basteln, ist für die Öffentlichkeitsarbeit des Servers zuständig und weist Neulinge und Interessierte in die Serverwelt ein. Die ist auch ohne eigenen Internetanschluß erreichbar. Im Kulturamt und im Tacheles wird es öffentliche Räume geben. Wer die nutzen wird, ist Glenewinkel ziemlich egal. Überhaupt ist sein Kulturbegriff äußerst liberal. Selbst die Zeugen Jehovas finden sich auf dem Server. Glenewinkel findet das witzig. "Offensichtlich halten die sich auch für Kultur", wundert er sich, schreitet aber nicht ein. Denn das Server-Prinzip entspricht dem des Offenen Kanals. "Jeder, der will, kann, muss aber nicht."

Basisdemokratie heißt die große Leitidee der Serverinitiatoren. Die sitzen nicht in Berlin, sondern in Hannover. Inhaber sämtlicher Urheber- und Verwertungsrechte ist das Ponton European Media Lab. Eine Firma, die aus intermedialen Kunstprojekten wie der "Piazza Virtuale" auf der documenta 9, hervorgegangen ist.

Die Idee zum Kulturserver entstand in Niedersachsen. Die dortige Landesregierung hatte 1997 ein Internetportal mit Such- und Leitsystem bei Ponton in Auftrag gegeben. Das Pilotprojekt wurde ein voller Erfolg und zum Vorläufer des heutigen Servers. Den gibt es außer in Berlin und Niederachsen auch noch in Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen. 126 000 Mark lassen sich die drei Länder das Angebot jährlich kosten. Der Berliner Senat zahlt nichts und verweist stattdessen auf sein Kulturangebot Berlin.de. Glenewinkel findet das langweilig. "Dort wird doch eh nur das promotet, was jeder kennt", kritisiert er und hat mit seiner Idee durchaus Erfolg. 1200 Kulturschaffende sind momentan beim Kulturserver registriert. Wöchentlich werden es 10 mehr. 30 000 Internet-Besucher rufen die Seite monatlich auf. "Das sind noch nicht richtig viele", gibt Glenewinkel zu, "aber man wird noch von uns hören".

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