Zeitung Heute : Annette Makellos

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Von Petra Kistler

Die Frau Ministerin privat? Ein unbekanntes Wesen. Nur so viel Einblick ist erlaubt: Bevor der Arbeitstag beginnt, kocht sie sich einen Espresso, setzt sich im Bademantel aufs Sofa und gönnt sich eine Lesestunde. Keine Akten, keine Zeitungen. Die kommen noch früh genug. Die frühe Stunde gehört dem Schöngeistigen. Je öfter Journalisten über dieses Morgenritual schreiben, desto früher schlägt in den Zeitungen die stille Stunde, amüsiert sich die Porträtierte über ihr Annette-Makellos-Image und wartet auf den nächsten Artikel, in dem sie schon nachts um zwei aufsteht.

An Geschichten dieser Art wird sich Annette Schavan, 46, gewöhnen müssen: Nun wechselt sie – zumindest zeitweilig – auf die bundespolitische Bühne. Die baden-württembergische Kultusministerin wird am Mittwoch als Edmund Stoibers Expertin für Bildung vorgestellt, am Tag darauf soll sie bereits in der Bildungsdebatte im Reichstag das Wort ergreifen.

Eine Turbo-Karriere für die politische Quereinsteigerin? Was reizt die kühle Theologin, die über „Person und Gewissen“ promoviert hat, an der Berliner Politik? Hat sie nicht jetzt als Kultusministerin in Stuttgart viel größere Kompetenzen, als sie sie je als Bundesbildungsministerin hätte? Auf solche Fragen will Annette Schavan im Moment keine Antwort geben, Debatten zur Unzeit schätzt sie nicht. Stattdessen sagt sie: „Die ständige Beschäftigung mit dem eigenen Fortkommen versaut einem die Lebensqualität.“

Nicht, dass sie Selbstzweifel hätte. Annette Schavan weiß um ihre Stärken. Seit Baden-Württembergs Ministerpräsident Erwin Teufel 1995 die damalige Leiterin der Bischöflichen Studienförderung Cusanuswerk in sein Kabinett berief, begleiten die gleichen Attribute ihre Karriere: diszipliniert, fleißig, klug, zielstrebig und belesen sei die Kultusministerin, stellvertretende CDU-Vorsitzende und Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. „Die Klassenbeste“, lobt die „Woche“, „Hoffnungsträgerin der Union in Bildungsdingen“, schwärmt die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“. Selbst die kritische Lehrergewerkschaft GEW Baden-Württemberg bescheinigt ihr, Schavan sei „die intelligenteste Kultusministerin, die wir je hatten“. Nicht ganz überraschend, dass die Rheinländerin bereits als Nachfolgerin von Ministerpräsident Teufel gehandelt wird.

Was Annette Schavan vorhat, setzt sie mit einem freundlichen Lächeln durch: In Baden-Württemberg verkürzte sie die Schulzeit an den Gymnasien bis zum Abitur von neun auf acht Jahre, stellte 800 Lehrer zusätzlich ein, ließ die Zahl der ausfallenden Schulstunden erfassen und erreichte in der Kultusministerkonferenz, dass die Länder das Abitur verschärfen dürfen und sich auf Bildungsstandards einigen. Ihr Reformeifer ist gefürchtet. Die Lehrer stöhnen über ihre Einfälle. Die Grundschüler im Südwesten müssen Englisch oder Französisch lernen, Bildungspläne werden umgekrempelt, Schulleiter können einen Teil ihres Personals selbst aussuchen. Schulen, die das Lernen ganz neu erfinden wollen, bekommen das Prädikat „Bildungswerkstatt“ und werden zum Ausbildungsbetrieb für angehende Pädagogen. „Vorsicht, Baustelle“, lästert die Opposition, die Ministerin sei die Meisterin der überstürzten Projekte, zu viel, zu schnell, zu unausgegoren. In der Sache allerdings mussten die Kritiker ihr meistens Recht geben.

Nach der Pisa-Studie fühlt sich Annette Schavan bestätigt: Dass in anderen Ländern schon in Kindergärten gelernt und nicht nur gespielt wird, Schwächen und Stärken also früh erkannt werden – ihre Rede. Kinder seien früh lernbegierig. Deshalb soll man sie in dem Alter, in dem sie gerne lernen, auch etwas lernen lassen, sagt die Kultusministerin und erklärt, dass in Baden-Württemberg seit Jahren die „flexible Einschulung“ praktiziert wird: Auch Kinder, die das sechste Lebensjahr noch nicht vollendet haben, dürfen im deutschen Südwesten in die Grundschule.

Ein wahrer Reformfuror scheint die Ministerin zu treiben. Und da reagiert sie empfindlich auf Störungen. Wenn Eltern oder Lehrer Bildungspolitik bloß auf Klassengrößen, auf Schulformen und Geld reduzieren, kann sie sich heftig echauffieren. „Es geht um attraktiven Unterricht und Lernkultur“, kontert sie streitlustig. „Bildungshungrig muss die Gesellschaft werden.“

Zur Bildung gehört die Literatur. Wenn ihr landauf, landab stolze Schulleiter die bestens ausgestatteten Computerräume zeigen, fragt Annette Schavan schon mal keck nach dem Zustand der Schulbibliothek. Und wie zielstrebig sie sein kann, demonstriert sie bei der Personalpolitik. Vor einiger Zeit bewarben sich zum Beispiel mehrere Herren um die Präsidentschaft an einem der vier baden-württembergischen Oberschulämter. Sie komme wieder, wenn eine Bewerberin darunter sei, befand Annette Schavan kühl und ging. Eine Frau fand sich natürlich – und wurde gewählt.

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