Zeitung Heute : Anpfiff

Fußball begeistert heute Milliarden. Doch es hätte auch ganz anders kommen können. Warum 1904 ein Gründungsfieber die Sportwelt erfasste.

Wolfram Eilenberger

Das Telegramm aus Deutschland kam zum Schluss. Völlig erschöpft vom dreitägigen Sitzungsmarathon konnte der 28-jährige Robert Guerín seiner Herrenrunde in der Pariser Rue St. Honoré den Beitritt des Deutschen Fußball-Bundes vermelden. Die Fédération Internationale de Football Association, kurz FIFA, hatte ihr achtes Mitglied gewonnen. Die Gründung des ersten Weltfußballverbandes war perfekt. 23. Mai 1904, Sitzung geschlossen, Geschichte geschrieben.

Nicht, dass der Fußball erst im Jahre 1904 erfunden worden wäre. Aber wer verstehen will, wie das Freizeitvergnügen einiger britischer Eliteschüler zur populärsten Sportart der Welt aufsteigen konnte, liegt im Jahr der FIFA-Gründung richtig. Der Zeitraum zwischen 1895 und 1914 war für das globale Schicksal des Fußballs entscheidend. Ob C.F. Barcelona 1899, River Plate Buenos Aires 1901, Real Madrid 1902, Schalke 04, Bayer 04 Leverkusen, Inter Mailand 1908 oder Borussia Dortmund 1909, überall wurden in dieser Phase neue Fußballvereine gegründet. Und die Geburtsstunde der FIFA liegt im Zentrum dieser Schlüsseljahre.

Hartnäckig hält sich die Vorstellung, beim Fußball habe es sich um einen Sport schweißgeprüfter Arbeiter gehandelt. Fußball, „the simple game“, wie es die Engländer seit 1860 nannten, gilt von jeher als Spiel des einfachen Mannes. Diese Vorstellung hat ihren Charme, ist aber irreführend. In den Jahren seiner internationalen Verbreitung war Fußball eine Freizeitmode für Bildungseliten und Sozialaufsteiger; ein ideales Profilierungsfeld für junge Städter, die man heute als Trendsetter bezeichnen würde. Fußball, das bedeutete für junge Kontinentaleuropäer vor allem England, und England meinte modernes Leben.

Der Leib war willig, allein die Erfahrung fehlte. Selbst in seiner organisierten Form dürfte das deutsche Fußballspiel äußerst unansehnlich gewesen sein. Flachpass, Kopfstoß und Doppelpässe, diese Kunststücke beherrschten allenfalls die 40 Jahre weiteren Briten. Terminologisch noch ungefestigt zwischen „Centre“ oder „Stürmer“, „Elfmeter“ oder „Elfjardstoß“, „Tor“ oder „Mal“, formten die Spieler in grell gestreiften Hemden undurchsichtige Balltrauben. Außenstürmer gab es zwar schon, aber keine Außenverteidiger. Zu allem bereite Stopper warteten tief in der eigenen Hälfte, welcher schmerzbereite Held es als Erster über die Mittellinie wagen würde.

Neben jungen Eliten trug vor allem die Gruppe der Angestellten zur Verbreitung des Fußballs bei. Das gilt insbesondere für Deutschland. Der Angestellte war ein neues Phänomen der Kaiserzeit. Er lebte in der Stadt, war karriere- und fortschrittsorientiert, besaß aber keine höhere Schulbildung und war in dieser Zwischenstellung von den Geselligkeiten der Studentenverbindungen ebenso ausgeschlossen wie von der Arbeiterkultur. Der Angestellte verfügte indes über ein seltenes Gut, dessen Verwendung für ihn ein heikles Problem darstellte. Er hatte Freizeit. Wohin damit?

Was lag näher, als den Trendsettern aus der Oberschicht zu folgen und das Herz an den modischen Fußball zu verlieren? Die zahllosen Gründungen um die Jahrhundertwende, die unter Namen wie „Borussia“, „Alemannia“ oder „Victoria“ bis heute unsere Ligen füllen, gehen auf Einfälle von Angestellten zurück. In ihrer Fußballbegeisterung simulierten sie das studentische Lebensgefühl der Verbindungen und Landsmannschaften. Nach schriftlicher Einladung („der FC Abazia fordert hiermit den FC Alexandria zu einem Gesellschaftsspiel auf“) traf man sich unter „Einhaltung des akademischen Viertels“ im „tadellosen Fußballkommers“, worauf die „Fußballschlacht“ nach „exaktem Aufmarsche der Spieler“ seinen Lauf nahm. Für die Trinkgelage danach, vermelden die Chronisten, wurde gerne eine „Opernkraft zum Vortrag“ geladen, worauf die Horde ein fröhliches „O wonnevolles Fußballspiel“ sowie ein „Hoch auf Se. Majestät den Kaiser“ anstimmte. Die stilfreie Event-Kultur in den heutigen Bundesliga-Stadien fügt sich damit nahtlos in eine 100-jährige Fußballtradition ein.

Als der DFB 1912 erstmals eine Sozialerhebung seiner eigenen Mitglieder durchführte, kam er zu der Feststellung, der Zustrom von „Handwerkern und Arbeitern verlaufe sehr unbefriedigend“. Dabei fehlte es der Arbeiterjugend nicht an Begeisterung. Woran es mangelte, war das nötige Geld. Eine präsentable „Fußballtracht“ aus Trikot, Hose, Strümpfen und Stutzen und Stollenstiefeln belief sich auf 20 Mark – und erreichte so die Höhe eines wöchentlichen Facharbeiterlohnes. Für einen echten englischen Lederfußball waren weitere 15 Mark zu investieren.

Probleme, mit denen auch Gruppe von Lehrlingen unter ihrem 14-jährigen Anführer Wilhelm Gieß vertraut war, als sie 1904 in Gelsenkirchen „Westfalia Schalke“ gründeten. Zu jung, zu arm, ohne Platz und Vereinsheim, wurde ihnen die offizielle Anerkennung verweigert. Die Burschen mussten sich als „wilder Verein“ mit ihren Rivalen messen. Tausende solcher Vereine verschwanden, ohne jemals eine Spur in Tabellen zu hinterlassen. Der später Schalke 04 genannte Freundeskreis aber überlebte als Verein – eine wundersame Ausnahme.

Die Fußballleidenschaft freizeitbegeisterter Massen, die Europa sowie Südamerika seit der Jahrhundertwende erfasste, wäre zweifellos verpufft, wenn nicht auch auf institutioneller Ebene entschlossen gehandelt worden wäre. Erste mächtige Freunde hatte der Fußball in jungen Lehrern gefunden, die nach ihrem Studienjahr in England das Spiel in den Schulunterricht einführten. Die Pädagogen priesen den Fußball. Nicht nur fände es in „Gottes freier Natur“ statt und stärke mit seinen „ununterbrochenen , gleichmäßigen Bewegungen sämtliche Körperteile“. Mit seiner Spannung zwischen individueller Auszeichnung und Gemeinschaftssinn galt Fußball als Lebensschule. Gewandtheit, Kaltblütigkeit, Ausdauer, Kerntugenden des guten Kickers, waren sie nicht genau das, was ein Land von seiner Jugend erhoffen musste? Und löschte das deutsche Turnerwesen, Hauptfeind der „englischen Fußballkrankheit“, mit seinen stereotypen Mustern die freie Perönlichkeit nicht methodisch aus? Ab der Jahrhundertwende wurde Fußball in der Schule gelehrt, zehn Jahre darauf war es Teil der militärischen Ausbildung. Ob mit Ball am Fuß oder Maschinengewehr im Arm, Selbstständigkeit und Pflichttreue waren auf allen Feldern gefragt. Als es in den Großen Krieg ging, zogen 85 Prozent der damaligen DFB-Mitglieder mit – und brachten ihren Kameraden den Fußball nahe. Hier explodierte die Begeisterung endgültig und drang durch alle Schichten.

Durchaus unmilitaristisch, ja mit dem Ansinnen, „die Nationen einander näher zu bringen“ trat 1904 eine andere Institution ins Zentrum des Spiels: der Weltverband FIFA. Die Pariser Gründungstagung ließ nichts von der heutigen Machtfülle erahnen. Was nützte der selbstbewusst formulierte FIFA-Anspruch, fortan das Monopol für internationale Meisterschaften zu besitzen, wenn mit der britischen Football Association (FA) der weitaus mächtigste Verband seine Mitgliedschaft verweigerte? Die euroskeptischen Briten ließen bereits im Vorfeld mitteilen, sie vermögen „die Vorteile solch einer Föderation nicht zu erkennen“ und beschieden den Enthusiasten vom Kontinent, sich erst einmal auf die Strukturierung ihrer nationalen Verbände zu konzentrieren. Die Fehde sollte Jahrzehnte währen. Dennoch war die FIFA-Gründung 1904 in vieler Hinsichten der entscheidende Schritt. Eine internationale Zentrale wurde geschaffen, die für einheitliche Regeln sorgte und zudem die Autorität der jungen Landesverbände stärkte. Von Beginn an als weltumspannendes System geplant, zählt die FIFA heute mehr Mitgliedsstaaten als die Vereinten Nationen.

So erzählt, gleicht der Aufschwung des Fußballs einem Lehrstück über Innovation. Der junge Fußballtrend wurde von einer breiten Mittelschicht getragen und von verschiedensten Institutionen gestützt. Natürlich musste es nicht so kommen. Geschichte gleicht hier der Analyse eines Fußballspiels. In dem vollen Bewusstsein, dass die Niederlage stets möglich war, wird im Nachhinein so getan, als sei der Sieg zwangsläufig und womöglich sogar gerecht.

Die Abhängigkeit der Fußballentwicklung von Zufällen verdeutlicht das Beispiel der USA. Obwohl früh importiert, scheiterte der Fußball dort bei den meinungsleitenden Bildungseliten. Sport ist und war in den USA Sache der Colleges, weshalb der Weg in die amerikanische Sportkultur nur über die höchsten Bildungsinstitutionen führte. Während sich Yale und Princeton umgehend für den FA Soccer begeisterten, verweigerte sich mit Harvard die eigentliche Eliteuni des Landes dem „Tretspiel“. Der Grund war eitel. Harvard war nicht gut im Soccer, reüssierte aber im „Boston Game“, einer Rugbyvariante, die heute als American Football bestaunt wird. Weil Harvard lieber gewann als verlor, blieb es einem entscheidend frühen Treffen im Jahre 1873 fern und setzte sich mit seinem Fußballtrotz durch. Der Historiker Morton Prince hält fest: „Hätte sich Harvard nicht verweigert...würden alle Universitäten, Colleges und Schulen heute nach den Regeln der Football Association spielen – praktisch wäre das Fußball.“

Im Umkehrschluss wäre das alte Europa in dieser prägenden Phase wohl auch für Baseball zu begeistern gewesen – und Michael Ballack würde uns heute durch Homerun-Rekorde verzücken.

Der Fußball war also zu stoppen. Doch wo er sich um 1904 angesiedelt hatte, gab es für 100 Jahre kein Halten mehr. Dort, wo bis 1904 allerdings die Gegenliebe fehlte, konnte er bis tief in das 20. Jahrhundert nicht mehr Fuß fassen.

Heute gelingt es diesem Spiel, in großen Turnierwochen ganze Kontinente in seinen Bann zu schlagen und Milliarden von Menschen für 90 Minuten zu einer Gemeinschaft zu formen. Tatsächlich scheint sich das „simple game“ derzeit in einer neuen Schlüsselperiode zu befinden. In Japan und großen Teilen Asiens steht Fußball heute für eben jene Mischung aus Coolness, Modernität und Subkultur, die vor 100 Jahren seinen europäischen Aufstieg bedingte. Und in den bevölkerungsreichsten Staaten der Erde, China und Indien, bildet sich derzeit eine Schicht von Hunderten Millionen junger Angestellter, für die der Fußball ein frisches Freizeitticket anbietet.

Das größte Begeisterungspotenzial liegt für den Fußball allerdings in den Frauen des Okzidents. In den USA oder Skandinavien, den innovativsten westlichen Ländern, hat der Frauenfußball die Marktmacht der Männer bereits erreicht. Selbst in Deutschland werden sich ernsthafte Weltmeisterhoffnungen in Zukunft eher auf die Frauenmannschaft zu richten haben. Kaum 30 Jahre alt, steht der Frauenfußball im Jahre 2004, wie der Herrenfußball 1904, vor dem Durchbruch.

Natürlich weiß niemand, wie es ausgeht. Darin besteht ja der ganze Witz – an der Geschichte und am Fußball. Aber wer diese Woche vor der Rasenfläche des Reichstags nach jungen Wilden Ausschau hielt, die das dortige Fußballverbot freudig ignorierten, der konnte zwei junge Mädchen mit Kopftuch sehen, wie sie selbstvergessen dem Ball nachstürmten. Vielleicht gründen sie schon morgen einen wilden Verein.

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