Zeitung Heute : Ans Licht gekommen

Er ist von Geburt an blind, und er ist Ausländer. Denkbar schlechte Voraussetzungen, um es in Deutschland zu etwas zu bringen. Aber Keyvan Dahesch ist ein Beispiel dafür, wie Behinderte etwas erreichen können. Weil er von brennendem Ehrgeiz ist – und weiß, dass man manchmal die Leute nerven muss.

Tor zur Welt der Nichtbehinderten. Keyvan Dahesch an seinem Laptop – mit Spezialtastatur und Spezialsoftware für Blinde. Foto: dpa
Tor zur Welt der Nichtbehinderten. Keyvan Dahesch an seinem Laptop – mit Spezialtastatur und Spezialsoftware für Blinde. Foto: dpaFoto: picture-alliance/ dpa

Jeder Schritt, jede Bewegung muss sitzen. Keyvan Dahesch tastet im Fahrstuhl mit dem Zeigefinger über die Klingelschilder und zählt laut mit: eins, zwei, drei. Dann drückt er auf den Knopf. Als die Fahrstuhltür im dritten Stock wieder aufgeht, setzt er fünf Schritte nach vorne und steht vor der Eingangstür seiner Wohnung in Bad Homburg, einem Städtchen im Rhein-Main-Gebiet. Er greift einmal daneben, dann kriegt er die Türklinke zu fassen, schiebt den Schlüssel ins Schloss und dreht um.

Keyvan Dahesch ist blind. Aber er kann mithalten in der Welt der Sehenden, weil er sich genau merkt und einübt, was für andere selbstverständlich ist.

Und Keyvan Dahesch ist Ausländer. Für viele Deutsche ist er das geblieben, obwohl er seit 1970 die deutsche Staatsbürgerschaft hat.

Ein blinder Ausländer in Deutschland, und er hat es trotzdem geschafft. Hat Erfolg im Leben, war Sprecher des Hessischen Landesamtes für Versorgung und Soziales, leitete von 1979 bis 1986 für die SPD einen Frankfurter Ortsverein, engagierte sich als ehrenamtlicher Richter am Sozialgericht, ist Zeitungs- und Hörfunkjournalist, saß in vielen Jurys. Bei vielem war er der erste Blinde.

Er hat sich nie nur in dem Rahmen bewegt, der für ihn, den Behinderten, vorgesehen war. Damit wäre er in Deutschland auch nicht weit gekommen. Deutschland wird immer wieder getadelt für seinen Umgang mit Behinderten. Seit März 2009 ist die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland geltendes Recht und muss umgesetzt werden. Das Leitbild der Konvention ist die volle Einbeziehung behinderter Menschen in die Gesellschaft, aber dem ist bisher wenig gefolgt. Behinderte müssen mehr noch als andere für sich selbst sorgen. Dabei sind sie meist weniger als andere dazu in der Lage.

Zwei Schritte gegenüber der Eingangstür steht die Garderobe. Dahesch hängt seinen Mantel auf und geht durch drei geräumige Zimmer. Sie sind eingerichtet wie in vielen Wohnungen, mit Einbauschrank, Esstisch, Sofa. Allein die vielen Uhren fallen auf. Jede Viertelstunde gongt und klingelt es, oder eine automatische Stimme sagt die Zeit an. So weiß Keyvan Dahesch, wie spät es ist, und durch die Geräusche kann er sich besser im Raum orientieren.

Dahesch ist ein kleiner Mann, der mit heller Stimme spricht, am zweiten Weihnachtsfeiertag ist er 70 Jahre alt geworden. Er trägt Krawatte zum grünlichen Hemd. Hose, Hemd, Krawatte und Jackett sitzen auch ohne Kontrollblick in den Spiegel akkurat.

Jetzt tastet er sich zum Eingang des Wohnzimmers, biegt links ab und spürt schon den Schreibtisch im Arbeitszimmer unter den Fingern. Im Arbeitszimmer hängt ein signierter Druck von Klaus Staeck. Er zeigt die Mona Lisa im Rollstuhl sitzend, darüber steht: „Niemand ist vollkommen.“

Hier ist Keyvan Daheschs Lieblingsplatz. Hier steht auch sein Laptop. Auf der Spezialtastatur sind die Buchstaben mit Blindenschrift gekennzeichnet. Eine Software wandelt alles, was er lesen will, in Blindenschrift um, die er auf einer eigenen Leiste ertastet. Das Gerät ist seine Verbindung zu einer Welt, in der Behinderungen keine Rolle spielen.

Dahesch sagt, dass Beharrlichkeit sein Markenzeichen sei. Er sagt: „Ich nerve die Leute.“ Und manche empfinden das auch so. Aber das muss man erst mal können. Er verdankt das einem Ehrgeiz, der ihn seit seiner Kindheit antreibt, der ihn nie losgelassen hat, ihn geradezu verfolgt.

Geboren wurde Keyvan Dahesch in Teheran, als dort noch der Schah herrschte. Sein Vater war ein hoher Beamter im Kulturministerium, die Familie lebte in einer Villa mit großem Garten, Bediensteten und Kindermädchen. Ein blindes Kind war nicht vorgesehen in der Welt der Erfolgreichen und Wohlhabenden. Aber der Junge konnte ja Hell und Dunkel unterscheiden, da musste sich doch was machen lassen. Er wurde von Arzt zu Arzt gebracht, der eine gab ihm Vitaminspritzen, der andere Kalziumspritzen. Die Mutter fütterte das Kind mit Sahnetorten. Er durfte nicht rennen, nicht mit anderen Kindern spielen. Er hätte sich verletzen können. Wenn die Eltern eingeladen wurden, nahmen sie die drei anderen Kinder mit. Keyvan musste zu Hause bleiben.

Seine Eltern wussten nicht einmal, dass es Blindenschrift gibt. Sie suchten auch nicht nach Möglichkeiten, ihrem Sohn die Welt näherzubringen, sondern nach Wegen aus der Blindheit. Blinde Kinder, so sagt man in islamischen Ländern, sind Gottes Strafe für die Sünden der Eltern.

1958 reiste der Vater mit Keyvan nach Deutschland. Er hatte gehört, dass dort die besten Augenärzte der Welt seien. Sie sagten: nichts zu machen, unheilbar. Aber im Rückblick war das ein Glück, endlich mussten sich die Eltern mit seiner Blindheit abfinden.

Die Ärzte empfahlen ein Blindenheim in Stuttgart. Dort konnten die Kinder spielen und toben, sie durften zur Schule gehen und Abitur machen. Das wollte Keyvan Dahesch auch. Er wollte frei sein von der Familie und endlich etwas lernen. Der Vater flog zurück nach Teheran. Keyvan war 16 Jahre alt und blieb.

Als blinder Mensch selbstständig zu leben, das war in den 50er und 60er Jahren in Deutschland vielleicht nicht so schwierig wie im Iran, aber es war schwer genug. Es gab keine Wegweiser in Blindenschrift, keine Ansagen, in welche Richtung sich die Zugtür öffnet, und selbst die Blinden wurden in zwei Klassen eingeteilt. Die Kriegsblinden hatten ihr Augenlicht fürs Vaterland gelassen und wurden verehrt, der Rest hatte sich den Respekt nicht verdient. Keyvan Dahesch schreckte nichts ab.

An Selbstbewusstsein mangelte es ihm auch damals nicht. Er wollte lernen, eigenes Geld zu verdienen. Deutsch war kein Problem, er holte das Versäumte schnell nach und machte Abitur.

Blinde haben es in den Händen, hieß es danach. Also wurde er Masseur und knetete in Kurkliniken, Hotels und Saunen. Manche Gäste steckten ihm extra viel Trinkgeld zu, andere wollten sich nicht von einem Blinden anfassen lassen und schon gar nicht von einem mit schwarzen Locken. Er schluckte die Kränkung herunter und machte weiter.

In der Küche klappert Anni Dahesch mit dem Teegeschirr. Sie kommt mit Tassen und Untertellern ins Wohnzimmer und stellt alles auf den Esstisch. Für die große Teekanne sucht sie unsicher einen Platz und verschüttet ein paar Tropfen Tee auf die weiße Plastikdecke. Anni und Keyvan sind seit 45 Jahren verheiratet. Auch sie leidet an einer angeborenen Sehschwäche. Kinder haben die beiden nicht. Sie sagen, und es klingt wie aus einem Mund: „Wir hatten Angst, dass das Kind behindert sein könnte. So ein Leben wollten wir keinem zumuten.“ Ein Leben wie ihres.

Als sie sich kennenlernten, beim Tanzen, konnte Anni noch sehen. „Wenn mir vor 50 Jahren jemand gesagt hätte: Den Keyvan Dahesch, den heiratest du mal, wäre ich davongerannt“, sagt Anni Dahesch. Nicht weil er blind war, sondern weil er sie nach dem ersten Tanz gleich angrapschte. Er dachte, das gehöre sich so. In Teheran hatte man ihm gesagt, dass die Frauen in Deutschland leicht zu haben seien. Als eine nach der anderen ihn zurückwies, dachte er, die seien eben alle ausländerfeindlich. „Es fehlte ja auch der Blickkontakt“, sagt Dahesch.

Mittlerweile ist auch Anni Dahesch fast blind. Die Erfahrungen, die sie als Sehende gesammelt hat, helfen. „Vieles ist eine Frage der Konzentration“, sagt Anni Dahesch. Wo liegt der Schlüssel, wo habe ich das Glas hingestellt? Blindsein ist nichts für Vergessliche. Es ist eine Herausforderung, die die Daheschs jeden Tag meistern.

Vielleicht haben ihn auch darin die Eltern geprägt. Wann immer er mit Vater oder Mutter in Teheran telefonierte, erzählten die ihm vom Bruder, der in England promoviert, von der Schwester, die Architektur studieren sollte, vom Cousin, der Arzt geworden war. Keyvan war Tausende Kilometer weit weg und konnte sich doch nicht entziehen. Bei den Daheschs zählte die Leistung, der akademische Titel, die gesellschaftliche Stellung. Er konnte unmöglich Masseur bleiben.

Also studierte er Volkswirtschaft, Soziologie und Arbeitsrecht. Fast alle Prüfungen bestand er mit „sehr gut“, das betont er, das ist ihm wichtig. Seine Eltern sollten auch auf ihn stolz sein, da reichte eine Zwei nicht.

Er entwickelte großen Ehrgeiz – für sich und für die Sache der Blinden. Als Pressesprecher des Hessischen Landesamts für Soziales zu verkaufen, was sich andere ausgedacht haben, reichte ihm schon bald nicht mehr. Er fing an, selbst Artikel zu schreiben, Journalisten, die er als Sprecher kennengelernt hatte, halfen ihm, ins Geschäft einzusteigen. Wenn in und um Frankfurt zu einem Termin eingeladen wurde, der mit dem Thema Behinderung zu tun hatte, war Dahesch da. Er berichtete für die Deutsche Presseagentur, für Tages- und Wochenzeitungen, für den Rundfunk. Auch das reichte nicht. Er wollte selbst Entscheidungen treffen, machte Parteiarbeit, engagierte sich, öffnete immer wieder Türen, die bis dahin geschlossen waren – für Blinde.

„Es hat sich viel verändert und viel auch nicht“, sagt Keyvan Dahesch, wenn man ihn fragt, ob es Behinderte in Deutschland heute leichter haben als früher. Es gab große Fortschritte: In öffentlichen Gebäuden wurden viele Barrieren beseitigt, 1994 wurde ins Grundgesetz aufgenommen, dass niemand aufgrund einer Behinderung diskriminiert werden dürfe, es gibt die Paralympischen Spiele und den Welttag der Behinderten.

Aber Dahesch kennt auch die Bahnsteige im Hessischen, die immer noch gefährlich sind für Rollstuhlfahrer und Blinde. Die Bundesregierung, jedes Bundesland und viele Kommunen haben mittlerweile Behindertenbeauftragte. Doch oft würden abgewählte Politiker mit solchen Posten versorgt, sagt Dahesch. Warum nicht Behinderte zu Behindertenbeauftragten machen? Die wüssten am besten, woran es mangelt. Wenn er in Begleitung eines Sehenden irgendwo hinkommt, wird auch heute noch der Sehende angesprochen, auch wenn es um ihn geht. Leute grüßen nicht, weil sie denken: Der sieht es ja nicht. Aber er spüre es, sagt Dahesch.

Er spürt auch eine andere Veränderung. Seitdem Ärzte schon an einem Embryo im Mutterleib Krankheiten feststellen können, müssen sich Eltern eines behinderten Kindes fragen lassen, ob man „so etwas“ nicht hätten vermeiden können. Wenn in einer Gesellschaft nur Effizienz zum Leitwert wird, geraten Menschen, die von der Norm abweichen, an den Rand. Es sei denn, sie vermögen es, zu beharren und zu nerven wie Dahesch. Wenn er einer Redaktion einen Text angeboten hat, hakt er nach, falls der nicht gleich gedruckt wird. Wenn es sein muss, ruft er jeden Tag an, freundlich und unerbittlich.

Am Laptop auf seinem Schreibtisch ist die Suchmaske von Google aufgerufen. Dahesch gibt seinen eigenen Namen ein. „5920 Ergebnisse sind es heute“, ruft er aus. Er wird gelesen und gehört und zur Kenntnis genommen. Trotz allem. Er ist ein Vorzeigebeispiel, wenn es darum geht, wie viel Behinderte heute in der Gesellschaft erreichen können.

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