Zeitung Heute : Anschieben statt Aufschieben

Wenn sich im Studium Motivationsprobleme einstellen oder Prüfungsängste blockieren, hilft die Psychologische Studienberatung

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Herr Rückert, in wenigen Tagen betreten viele Erstsemester zum ersten Mal eine Universität. Alles wird ungewohnt und vielleicht verwirrend sein. Welchen Rat geben Sie den Studienanfängern mit auf den Weg?

Wer nicht schon an Einführungsveranstaltungen teilgenommen hat, sollte sich jetzt unbedingt um Kontakt zu den Mitstudierenden kümmern. Man sollte seinen Stundenplan mit Hilfe der Studienfachberatung aufstellen und ihn nicht gleich überfrachten. Und Nerven bewahren: Neu einzusteigen ist eine spannende Herausforderung!

Eine erste allgemeine Verunsicherung zu Studienbeginn ist normal. Was tun, wenn diese Unsicherheit anhält?

Anhaltende Verunsicherung könnte ein Anlass dafür sein, sich an die Allgemeine Studienberatung oder auch die Psychologische Beratung zu wenden. Wenn man sich nach ein paar Wochen in der Uni immer noch unwohl fühlt, sollte man darüber das Gespräch suchen.

Mit welchen Problemen kommen die Studierenden zu Ihnen in die psychologische Studienberatung?

Die Hauptanliegen sind Lern- und Leistungsstörungen, Motivations- und Orientierungsprobleme in den verschiedenen Phasen des Studiums, Prüfungsangst und depressive Verstimmungen.

Wie können Sie helfen?

Wir helfen durch Einzelgespräche und haben ein umfangreiches Gruppenangebot, beides sowohl im Semester als auch in den Semesterferien. Die psychologischen Berater/innen sind Spezialisten für die typischen Uni-Probleme und helfen durch ein breites Spektrum an Interventionen, Studienkompetenz und Bewältigungsfertigkeiten zu erwerben oder zu steigern.

Raten Sie jedem, das Studium auf Biegen und Brechen zu beenden?

Nein, wenn man sich verbiegen müsste oder gar das Risiko eingeht, zu zerbrechen, sollte man über Alternativen nachdenken.

Wussten Sie als Abiturient, was Sie studieren wollten?

Ich schwankte zwischen verschiedenen Möglichkeiten. Journalist war eine Option, Jurist zu werden eine andere. Aber das am längsten bestehende Interesse war das an der Psychologie.

Hatten Sie in der Studienzeit Zweifel, ob Sie das Studium zu Ende bringen?

Nein. Ich war sehr glücklich und finde es ist nach wie vor ein tolles Studium. Es sind so verschiedene Bereiche, in denen der Mensch und sein Verhalten in den Blick genommen wird. Ob Denken und Fühlen oder sogar das Fach Statistik; die Psychologie war der Weg, den ich auch zu Ende gehen wollte.

Gab es auch mal Anlass frustriert zu sein?

Ja sicher. Während der Semesterferien habe ich als Erzieher in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gearbeitet. Das war sehr interessant, weil man dort lernen konnte, wie therapeutisch gearbeitet wird. Wenn dann an der Uni jemand auftrat, der niemals im Leben einen Patienten gesehen hatte und ausschließlich von der Theorie her kam, fand ich das schon frustrierend.

Haben Sie denn vor anderen Herausforderungen gestanden als die Studierenden, die sie heute beraten?

Ja. Es war in den 1970ern insofern einfacher zu studieren, als dass Kommilitonen Gemeinsamkeiten stärker betont haben und die Solidarität untereinander größer war. Und überhaupt stand die Uni für uns hoch im Kurs. Für Studierende heute spielen das Privatleben und die Notwendigkeit Geld zu verdienen eine mindestens genauso so große Rolle wie das Studium. Mir fällt auf, dass Studierende heute in ihren Erwartungen darüber, was sie an der Universität erreichen können, viel gelassener sind. Wir waren dagegen ein Stück weit verbiestert.

Weil Sie die Welt verändern wollten?

Ja, genau. Wir dachten ja auch, wir wüssten, wie das geht. Wir sind zum Beispiel heroisch morgens um sechs Uhr losgezogen, um die Werftarbeiter in Kiel über ihre Lage aufzuklären. Die waren dann allerdings an unseren Flugblättern nicht interessiert, und haben deutlich gemacht, dass sie das nicht verstehen.

Nicht wenige Studierende fürchten sich vor Prüfungen? Hatten Sie auch Angst?

Nein, ich habe Prüfungen immer geliebt. Prüfungen waren eine der wenigen Gelegenheiten, mit den Professorinnen und Professoren eine halbe Stunde in einen Austausch zu treten, zu diskutieren, auch mal zu zeigen was man drauf hat, rhetorisch ein bisschen gewitzt zu sein und überhaupt ein spannendes Gespräch zu führen. Das hatte etwas Sportliches, ängstlich musste man da nicht sein.

Nur, oft hapert es ja bereits bei der Vorbereitung. Ein Klassiker: Der Prüfungstermin naht, doch plötzlich müssen ganz dringend Fenster geputzt und lang vernachlässigte Freunde besucht werden. Was tun?

Bei einem guten Selbstmanagement konkurrieren diese Aktivitäten, die ja auch sein müssen, nicht als vordergründige Aufschiebetechniken mit dem Lernpensum, sondern werden so gelegt, dass sie beispielsweise als Belohnungen für bestimmte Lernschritte wirken. Erst lernen, dann Fenster putzen.

Schieben Sie selbst auch Dinge auf?

Was ich in meinem Buch „Schluss mit dem ewigen Aufschieben“ beschreibe, versuche ich genau so zu tun. Im Grunde ist es das, was man neudeutsch Projektmanagement nennt. Also, wenn man ein Vorhaben nicht nur im Kopf hat, sondern aufschreibt, wann man welche Schritte machen will und sich hinterher vergegenwärtigt, ob man sie auch tatsächlich getan hat. Das mache ich selber auch so. Ich plane meine Woche und das Jahr mit den Dingen, die mir wichtig sind und auch mit den Dingen, die unausweichlich sind. Aber ich mache das nicht so strikt, wie ich es jemandem empfehlen würde, der große Schwierigkeiten mit Organisation oder Motivation hat. Wenn man da Probleme hat, muss man sehr engmaschig planen.

Herr Rückert, bald ist Mai. Haben Sie Ihre Steuererklärung dieses Jahr schon abgegeben?

Aber logisch! Welche denn?

Na, die für 2004.

Nein, auf keinen Fall! Im Laufe des Monats Mai schreibe ich dem Finanzamt immer, dass ich eine Fristverlängerung bis September brauche. Das ist der Monat, in dem ich Steuer mache, jetzt ist es zu früh.

Hans-Werner Rückert ist Leiter der Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung an der FU. Das Gespräch führte Anke Assig.

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