Anschläge in Großbritannien : Operation Terror

Mindestens sechs von acht Verdächtigen, die im Zusammenhang mit den versuchten Anschlägen in Großbritannien festgenommen wurden, waren Ärzte an englischen Krankenhäusern. Wie ist das zu erklären?

Frank Jansen

Die Ermittlungen zu den Autobomben von London und dem Angriff auf den Flughafen Glasgow nehmen eine bizarre Wendung. Sechs der acht festgenommenen Terrorverdächtigen sollen Ärzte sein, berichten britische Medien. Ausgerechnet Ärzte – dieser Berufsstand ist durch die Genfer Deklaration des Weltärztebundes, die auf den Eid des Hippokrates zurückgeht, eigentlich verpflichtet, dem Leben „Ehrfurcht“ entgegenzubringen. Sollte sich der Verdacht der britischen Ermittler bestätigen, hätten die Festgenommenen das Gegenteil geplant: Die Autobomben, auch noch mit Nägeln angereichert, sollten möglichst viele Menschen töten und verletzen.

Am Montagabend nahm die Polizei in Australien den 27-jährigen Arzt Mohammed H. fest. Der Inder soll bis 2006 in einem Krankenhaus in der britischen Hafenstadt Liverpool gearbeitet haben. Dort war auch ein am Sonntag festgenommener, 26 Jahre alter Inder als Arzt im Praktikum tätig. Als möglicher Rädelsführer der Terroristen gilt der aus Jordanien stammende Neurochirurg Mohammed A. (26), ihn und seine Frau holte die Polizei nach einer Verfolgungsjagd aus dem Auto. Zwei weitere, angeblich aus Saudi-Arabien stammende Mediziner im Alter von 25 und 28 Jahren wurden in einem Wohnheim des Royal Alexandra Hospital in Glasgow festgenommen. In diesem Krankenhaus war auch der irakische Arzt Bilal A. (27) tätig, der am Sonnabend mit einem Komplizen in einem Geländewagen den Flughafen Glasgow attackiert hatte. Über den Hintergrund des bei dem Angriff schwer verletzten Fahrers ist nur bekannt, dass es sich um einen Libanesen handeln soll.

In britischen Medien werden einheimische Sicherheitsexperten mit dem Verdacht zitiert, die Ärzte hätten die Anschläge im Auftrag von Al Qaida geplant. Eine Zeitung berichtet auch, die in Großbritannien arbeitenden Ärzte aus dem Nahen Osten, insgesamt 6000, seien nicht streng genug überprüft worden.

Eine besondere Anfälligkeit muslimischer Ärzte für die Parolen der Al Qaida sehen deutsche Sicherheitsexperten allerdings nicht. Dass Al-Qaida-Vizechef Aiman al Sawahiri einst als Chirurg in Kairo tätig war, sei ebenfalls kein Gegenbeweis. Verwiesen wird allerdings auf die hohe Zahl von Akademikern in der Muslimbruderschaft, der ältesten und am weitesten verbreiteten islamistischen Vereinigung in der arabischen Welt. Auch Sawahiri war einst Muslimbruder. Viele Ärzte, Rechtsanwälte und andere Akademiker hätten sich in ihrer Wut über die korrupten und brutalen Regime ihrer Heimat der Bruderschaft zugewandt, sagen Experten. Und sie warnen: Die Vereinigung sei ein Durchlauferhitzer, der immer wieder militante Fanatiker hervorbringt.

Die Taten von London und Glasgow sehen deutsche Experten jedoch vor allem als weiteren Beleg für die These, es gebe im islamistischen Terrornetz „kein einheitliches ethnosoziales Täterprofil“. Vom arbeitslosen Maurersohn aus Tunesien (Anschlag auf Djerba 2002) bis zum saudischen Multimillionär Osama bin Laden sei alles vertreten – aus allen muslimischen Ländern sowie den islamischen Minderheiten in anderen Staaten. Mal fänden halbwegs ethnisch homogene Tätercliquen zusammen, wie bei den Anschlägen von Madrid 2004, an denen vor allem Nordafrikaner beteiligt waren, mal seien die Gruppen gemischt. Sorge bereitet den Sicherheitsbehörden aber auch, dass vereinzelt deutsche Konvertiten und in der Bundesrepublik lebende Türken ins Terrormilieu abdriften.

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