Zeitung Heute : Anschlag auf Castor-Bahnstrecke: Sich warm machen für den Tag X

Reimar Paul

Frühestens Ende März kommen die Castoren, das Wendland aber putzt sich schon jetzt fein heraus. Ganz im Osten von Niedersachsen, wo die Dörfer Meuchefitz und Waddeweitz, Breselenz und Gedelitz heißen, schmücken die Leute Haus und Hof. Sie spannen Anti-Atom-Transparente und hissen Fahnen mit der lachenden Sonne, sie nageln gelbe Latten zu einem "X" zusammen und stellen es in Vorgärten, an Stalltüren, am Wegesrand auf. Das gelbe "X" ist ein Zeichen der Verschworenheit und ein Alarmsignal für die Castor-Transporteure. Das "X" steht auch für "Nix" - nix Castor, nix Atommüll, wi wullt den Schiet nich hebben.

Der Landkreis Lüchow-Dannenberg ist seit 1977 Atomstandort. Damals planten der Bund und die Landesregierung in Hannover im Wald hinter Gorleben ein nukleares Entsorgungszentrum mit Endlager, Zwischenlager, Wiederaufarbeitungsanlage, einer Brennelemente-Fabrik und einem eigenen Atomkraftwerk zur Stromerzeugung im benachbarten Langendorf. Die Politiker favorisisierten das Wendland nicht nur des Salzstocks wegen - sie erwarteten in der dünn besiedelten Region, die wie ein Finger in die DDR hineinragte, nur wenig Widerstand.

Doch die Hoffnung trog. Das strukturschwache, industrieferne Wendland stand auf gegen die atomaren Pläne. Bauern, die um den Absatz ihrer Produkte fürchteten, verbündeten sich mit akademisch geprägten Aussteigern aus Hamburg oder Berlin, die in den Reetdachhäusern hinterm Elbdeich um die neu gewonnene Ruhe fürchteten. Hausfrauen und Kaufleute machten bei den Demos ebenso mit wie viele Lehrer und Pastoren. Im März 1979 brachen hunderte Landwirte mit Traktoren zu ihrem fast schon legendären Treck nach Hannover auf, sie wurden dort von über 100 000 Demonstranten empfangen. Das große Entsorgungszentrum mit Wiederaufarbeitungsanlage, telegrafierte Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) an Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD), sei "politisch derzeit nicht durchsetzbar".

Zum Atomland wurde das Wendland trotzdem. Seit mehr als 20 Jahren erkunden Geologen den Gorlebener Salzstock auf seine Eignung als mögliches Endlager. Kürzlich ließ Umweltminister Jürgen Trittin die Arbeiten allerdings unterbrechen. Einen Steinwurf vom Bergwerk entfernt wartet die Pilotkonditionierungsanlage (PKA), in der radioaktiver Müll endlagerfähig verpackt werden soll, auf ihre Inbetriebnahme. Bereits 1984 begann die Einlagerung von schwach- und mittelradioaktivem Müll in das so genannte Fasslager. Die Castorhalle gleich nebenan wurde erstmals 1995 mit abgebrannten Reaktorbrennstäben beschickt. Begleitet von wütenden Protesten und geschützt von zehntausenden Polizisten, rollten auch 1996 und 1997 Transporte durch das Wendland.

Nach vierjähriger Unterbrechung, in der sich auch viele gestandene Anti-Atom-Aktivisten eine Auszeit nahmen, sollen nun sechs weitere Behälter mit verglasten Abfällen aus La Hague in Gorleben eingelagert werden. "Der Widerstand kommt wieder in die Puschen", sagt Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. In den Dörfern entlang der möglichen Transportroute organisieren sich die alten Castorgruppen wieder, die schon entschlafen schienen. Samstags und sonntags sind die Säle der Trebeler Bauernstuben, vom Gasthaus Santelmann in Gedelitz, vom Gasthof Grönecke in Breese in der Marsch und der anderen traditionellen "Widerstandskneipen" für die Treffen der Anti-Atom-Initiativen fest reserviert.

Und wie vor fünf und vier Jahren machen auch diesmal wieder besonders rabiate Castor-Gegner Schlagzeilen. In der Nacht zum Sonntag sägten Unbekannte auf der Bahnstrecke zum Zwischenlager Gorleben zwei Schienenstücke heraus und legten sie in X-Form auf die Strecke. Allerdings markierten sie die Stelle in etwa 500 Meter Entfernung mit Absperrband. Ein Zugführer bemerkte den Anschlag am Morgen.

Eher im Stillen wägen die Mitglieder der Bäuerlichen Notgemeinschaft des Wendlandes das Für und Wider neuerlicher Treckerblockaden ab. Vor vier Jahren hatten Dutzende ineinander verkeilter Zugmaschinen den Castoren den Weg durch das Dörfchen Klein Gusborn versperrt, der Atommüllkonvoi fuhr auf einer anderen Strecke. Trotzdem stürmten maskierte Beamte eines Sonderkommandos damals die Sperre und stachen auf die Treckerreifen ein. "Das war ein Racheakt", ist der Landwirt Herbert Bammel bis heute überzeugt. Für die kommenden Transporte aber hat sich die Einsatzleitung der Polizei schon ein Deeskalationskonzept überlegt. Und auch die künftige Grünen-Parteichefin Claudia Roth will dann gerne zwischen Atomgegnern und Polizei vermitteln.

Gewissermaßen zum Warmmachen sind 30 Bauern mit ihren fahnengeschmückten und "X"-bewehrten Traktoren kürzlich schon mal ins 50 Kilometer entfernte Uelzen getuckert. Am Bahnhof haben sie auf Jürgen Trittin gewartet, der dort als Gast bei einem "Grünen Abend" angekündigt war. Doch Trittin ist nicht gekommen. "Der hat gekniffen", sagen die Bauern. Einen Tag später demonstrierten die Landwirte auf dem Marktplatz in Dannenberg. Ministerpräsident Sigmar Gabriel hat sich zu einem Kurzbesuch bei den Atomkraftgegnern angemeldet. "Der stellt sich", sagten die Bauern.

"Niedersachsen will nicht zum Atomklo werden", erklärte Gabriel. Mit dem Atomkonsens ist auch er nicht zufrieden, die Castoren aus La Hague hat er nicht bestellt. Wenn sie aber kommen, dann muss und wird er dafür Sorge tragen, dass sie auch im Zwischenlager ankommen. Was das bedeutet - viel Polizei - ist den Menschen im Wendland schon klar. Einer der Bauern, Adi Lamke, saß in Uelzen mitten auf dem Platz in einem Drahtkäfig. Er protestierte dagegen, dass die Polizei angekündigt hat, Castor-Blockierer gegebenenfalls auch in transportablen Zellen zu internieren.

Ebenso wie Gabriels Verweis auf die Staatsmacht verhallen im Wendland die Appelle der Grünen, sich nicht an Demonstrationen und schon gar nicht an Blockaden gegen die sechs Castoren aus La Hague zu beteiligen. Und die Debatte über die heimlichen Transporte radioaktiven Materials nach Frankreich hat die Gemüter noch einmal in Wallung gebracht - egal, ob die Fahrten nun ungefährlich, legal und genehmigt waren, wie Umweltminister Trittin versicherte.

"Ich werde am Tag X auf jeden Fall wieder auf die Straße gehen", kündigt Marianne Fritzen an. Die 76jährige war lange Zeit Vorsitzende der Bürgerinitiative und hat in den vergangenen 25 Jahren bei kaum einer Protestaktion gefehlt. Im letzten Jahr trat sie aus Enttäuschung über den Atomkonsens bei den Grünen aus. Sechs von sieben Mitgliedern der grünen Fraktion im Lüchow-Dannenberger Kreistag folgten ihr nach. Die Dissidenten haben inzwischen eine neue Wählergemeinschaft gegründet. Der Mobilmachung zu Aktionen gegen die Castoren tun die Demo-Warnungen der Grünen keinen Abbruch, ist auch Jochen Stay überzeugt. Der Sprecher der Initiative "x-tausendmal quer" verweist auf bislang über 4000 Frauen und Männer, die sich schriftlich bereit erklärt haben, bei einer Sitzblockade in Gorleben mitzumachen. Die guten Argumente wähnt Stay ohnehin bei den Demonstranten, nicht bei Trittin. Wer es als unmoralisch bezeichne, die Franzosen auf deutschem Atommüll sitzen zu lassen, gleichzeitig aber in den nächsten fünf Jahren 500 weitere Castoren nach La Hague schicken wolle, dem bleibe "die Moral im Hals stecken".

Im Büro der Bürgerinitiative in der Kreisstadt herrscht Hektik, bimmeln unentwegt Handys und Festnetztelefone. Anrufer aus der ganzen Republik wollen wissen, wann blockiert werden soll, wo sie während der heißen Tage übernachten und wie sich zur Stärkung mit Bio-Gemüse aus der Region versorgen können. Alarmpläne müssen überarbeitet, Pressemitteilungen verfaxt, die aktuelle Ausgabe der "Gorleben-Rundschau" verschickt werden. Gleich zum Mitnehmen gibt es ein klappbares "Demo-X" für 12 Mark 50. An den Wänden hängen Plakate aus alten Widerstandstagen, in einer Vitrine werden Aufkleber und Postkarten feilgeboten. Auf einer Karte ist eine wackelige Kartoffelschleuder aus Schwachholz abgebildet, die vor Jahren bei einem anti-atomaren Karnelvalsumzug gegenüber dem PKA-Gelände in Position gebracht wurde. "Die PKA angreifen heißt, den Imperialismus an entscheidender Stelle treffen", steht unter dem Foto. Das Lachen, auch über sich selbst, haben die Leute im Wendland nicht verlernt.

Kräftig agitiert wird auch im Internet. Über ihren mehrmals täglich aktualisierten "Gorleben-Ticker" stellt die Bürgerinitiative Zeitungsartikel und Leserbriefe, Demonstrationsaufrufe, Fotos und Grußadressen ins Netz. Der virtuelle Terminkalender quillt über, alleine am kommenden Sonntag können Atomkraftgegner zwischen drei Aktionen auswählen. Im Demo-Angebot sind ein Schienenspaziergang in Wendisch-Evern, das Gorlebener Gebet "an den Endlagerkreuzen" und die Aktion "Breselenz putzt sich raus" - eine wendländische Variante von "Unser Dorf soll schöner werden".

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