Zeitung Heute : Anschwellender Kriegsgesang

Was für eine Woche: Blix-Bericht, Präsidenten-Rede, Brief der acht Europäer – für Bush kann’s nicht besser laufen. Der Chor, der zum Angriff ruft, wird immer lauter. Nur zwei alte Bekannte machen sich über all das Sorgen.

Malte Lehming[Washington]

Von Malte Lehming,

Washington

Er ist zwölf Jahre älter geworden - und zwölf Jahre reifer. Er hat sich zurückgezogen, erfolgreich den Krebs bekämpft, trägt Schlabberhose und Poloshirt und humpelt gerade nach einer Knieoperation. Doch die Stimme des 68-Jährigen, zwar leiser als einst, wird in Amerika immer noch gehört. Denn Norman Schwarzkopf ist ein Held. Er hat den ersten Golfkrieg befehligt, außerdem ist er eng mit der Bush-Dynastie befreundet. Mit Vater Bush geht er bis heute auf die Jagd, für den Sohn trat er im Wahlkampf auf. Wenn „Stormin’ Norman“ sich zu Wort meldet, gibt es ein lautes Echo.

Gleich zu Beginn dieser dramatischen Woche schleuderte nun dieser Mann seinen früheren Weggefährten – Vizepräsident Dick Cheney, damals Verteidigungsminister, und Außenminister Colin Powell, damals Generalstabschef – ein paar markige Sätze entgegen. Es gebe nicht genügend Beweise, um einen Feldzug gegen den Irak zu rechtfertigen, stattdessen sollten die UN-Inspekteure unterstützt werden. Die Großspurigkeit der Militärstrategen bereite ihm Sorgen, noch mehr ängstigten ihn die Zahl der möglichen Todesopfer sowie die Höhe der Kosten eines Krieges. Bitterböse schließlich äußerte sich Schwarzkopf über Donald Rumsfeld, den Verteidigungsminister. Der würde seine Auftritte genüsslich zelebrieren. Das sei fatal. Eine Nation, die in den Krieg ziehe, dürfe nicht den Eindruck erwecken, daran Spaß zu haben.

In Schwarzkopf bündelte sich für einen kurzen, eindringlichen Moment das Unbehagen, das auch viele Amerikaner beschleicht, wenn sie allabendlich auf den Krieg eingestimmt werden. Truppen verlegt, Reservisten mobilisiert, Kriegsschiffe ausgelaufen. Populär sind solche Meldungen nicht, nirgends. 41 amerikanische Nobelpreisträger mahnen ebenfalls. Selbst nach einem gewonnenen Krieg, „würden die medizinischen, ökonomischen, ökologischen, moralischen, spirituellen, politischen und legalen Konsequenzen Amerikas Sicherheit und Ansehen in der Welt reduzieren“, schreiben sie.

Ganz verblüfft kehrten viele US-Kommentatoren auch aus Davos wieder. Beim Weltwirtschaftsforum sei es ausschließlich darum gegangen, auf die US-Regierung einzuprügeln, erzürnte sich Richard Cohen von der „Washington Post“. „So etwas habe ich in all den Jahren, die ich dort war, nie erlebt.“ Der alte Kontinent versinke in einer „Kakophonie aus Antiamerikanismus und Antiisraelismus“.

Die Stimmung kippt

Die Reaktionen fallen zum Teil extrem aus, was ihre Hilflosigkeit belegt. Die Einwände des Papstes versucht ein Theologe in der „New York Times“ mit Zitaten aus der Bibel zu widerlegen. „Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ Außerdem solle man die politischen Ansichten der Geistlichen prinzipiell nicht allzu ernst nehmen. Mit dem Argument, man dürfe nicht „Böses mit Bösem vergelten“, hätten einige von ihnen den USA auch abgeraten, gegen Hitler zu kämpfen. In der „Washington Post“ wiederum wird die Organisation „Answer“, die landesweit die großen Friedensdemonstrationen veranstaltet hatte, als stalinistische Truppe entlarvt. Sie würde „jedes despotische Regime auf dieser Welt unterstützen“. Über Scott Ritter schließlich, den ehemaligen UN-Chefinspekteur, der vor kurzem in Bagdad war und sich vehement gegen einen Krieg ausspricht, wird süffisant die Nachricht verbreitet, dass er im Jahre 2001 verhaftet wurde, weil er sich übers Internet mit einer Minderjährigen verabredet hatte. In der Medienschlacht um die Meinungshoheit sind offenbar alle Schranken gefallen.

Doch noch am selben Tag beginnt die Stimmung zu kippen, der Kriegsgesang schwillt lauter an, die Friedensrufe verhallen. Hans Blix, der oberste UN-Waffeninspekteur, legt dem Sicherheitsrat seinen Irak-Bericht vor. Überraschend deutlich kritisiert der bedächtige Schwede das Regime in Bagdad. Es gebe keine „echte Akzeptanz“ der Resolution 1441. Die Bush-Regierung fühlt sich bestätigt. Einen Tag später schreibt das „Wall Street Journal“ über den Blix-Bericht: „Der Chefinspekteur hat die amerikanischen Gründe für einen Krieg bestärkt.“ Ausführlich wird das Arsenal an biologischen und chemischen Waffen aufgelistet, über das der Irak vermutlich noch verfügt. Nicht vergessen werden die Totenzahlen, die aus einem Einsatz dieser Waffen resultieren würden. In der „New Republic“ wird ein weiteres apokalyptisches Szenario beschrieben: Die Chemie-Fabriken in den USA seien vor einem Terrorangriff nicht geschützt. Im Umkreis von 123 Anlagen könnten durch ein Attentat jeweils mehr als eine Million Menschen umgebracht werden. Die Titelgeschichte von „Newsweek“ heißt „Hellbent on War“ – Ganz versessen auf Krieg.

Die Wahlen in Israel dagegen werden nur am Rande vermerkt. Der Nahostkonflikt ist nicht mehr im Fokus dieser US-Regierung. Wann immer ein Europäer fordert, der palästinensisch-israelische Konflikt müsse vor der Irak-Krise gelöst werden, wird er belächelt. Diese Logik erinnere an früher, heißt es, als die Kommunisten immer zuerst den Hauptwiderspruch (Klassengesellschaft) beseitigt wissen wollten, bevor die Nebenwidersprüche (Emanzipation der Frau, Umweltschutz, Armut, Dritte Welt) thematisiert werden durften. Nein, nein. Amerikas Reihenfolge sieht anders aus. Erst kommt der Krieg, dann die Besatzung, dann die Präsidentschaftswahlen. Bis zum Jahr 2005 kann Ariel Scharon schalten und walten, wie ihm zumute ist.

Am Nachmittag trifft sich Bush mit führenden US-Medienvertretern, um sie auf seine abendliche Rede an die Nation einzustimmen. Mit dabei ist auch Fred Barnes vom konservativen „Weekly Standard“. Seine Quelle, die er einen „extrem gut informierten Insider“ nennt, ist also wahrscheinlich der Präsident selbst. „Den Antiamerikanismus des deutschen Kanzlers Gerhard Schröder nimmt Bush weiterhin sehr persönlich“, schreibt Barnes. Ein anderer Kommentator prophezeit: „Vielleicht wird’s eine Kriegserklärung – an Frankreich und Deutschland.“

Etwas Ähnliches wurde es dann. Im Sender ABC heißt es nach der Rede: Bush hat „das Fundament für einen Präventivkrieg gelegt“. Auf CBS wird Saddam Hussein gewarnt: „Er muss abrüsten, oder wir führen Krieg.“ Wolf Blitzer von CNN sagt: „Das mag keine formale Kriegserklärung gewesen sein, aber es kam dem sehr, sehr nahe.“ Warum jetzt? Was macht Saddam so gefährlich? Auf diese Fragen erwartete die Welt eine überzeugende Antwort vom US-Präsidenten. Die Gefahr muss nicht akut sein, sagte Bush stattdessen. „Terroristen informieren uns nicht über ihre Angriffspläne.“

Kriegsbeginn nach dem 3. März?

Derweil kursieren als mögliches Datum für einen Kriegsbeginn die Tage nach dem 3. März. Denn bei Neumond ist es nachts schön dunkel. Davon profitiert die hoch technisierte US-Armee mit ihren Satelliten und Nachtsichtgeräten. Generalstabschef Richard Myers bestätigt, dass eine kleine Vorhut, in erster Linie CIA-Agenten, bereits im Irak agiert. Ein Sprecher der irakischen Opposition teilt mit, dass im Norden des Irak drei US-Transportflugzeuge gelandet seien.

Erst Blix, dann Bush, dann der Brief. Kann es noch besser laufen für die US-Regierung? Acht europäische Länder landen am Donnerstag einen Coup. Als demonstrativ gegen Deutschland und Frankreich gerichtete Geste schlagen sie sich in der Irak-Frage auf Amerikas Seite. Mittlerweile sind’s schon zehn, die Slowakei und Albanien – ein moslemisches Land – wollten nicht fehlen. Die Unterzeichner, schreibt die „Washington Post“, seien alles Länder, die erfolgreich ihre Wirtschaft liberalisiert und ihre Arbeitsmärkte dereguliert haben. „Das ist kein Zufall.“ Gepriesen wird der Mut der Unterzeichner („Politicians with Guts“ – Politiker mit Mumm), sich trotz der Risiken gegen die antiamerikanische Stimmung in Europa zu stellen.

Jetzt geht es nur noch „um Wochen“, wie Bush sagt. Das Fenster der Diplomatie schließt sich. Die Telefondrähte im Weißen Haus laufen heiß. Bush spricht mit dem portugiesischen und schwedischen Premierminister, empfängt den pakistanischen, dann den saudi-arabischen Außenminister, trifft Silvio Berlusconi und – „zum Kriegsrat“ – Tony Blair. Das „alte Europa“ ist in der Defensive.

Am Freitag meldete sich ein zweiter berühmter General zu Wort. Wesley Clark, der Kommandeur des Kosovo-Krieges, warnte nicht minder deutlich als General Schwarzkopf vor einer Irak-Invasion. „Sie nehmen den Krieg wichtiger als das Völkerrecht“, sagte er über seine Regierung. „Und sie nehmen Saddam Hussein wichtiger als Osama bin Laden.“ Clark hat im Vietnamkrieg gekämpft. Er wurde verwundet, Schüsse trafen ihn ins Bein, die Hüfte, die Schulter, die Hand.

Doch solche Stimmen stören den Kriegschor kaum. Gegen alle Einwände triumphiert der Spott. „Ohne Deutschland und Frankreich in den Krieg zu ziehen“, frotzelte ein US-Kommentator, „ist, wie ohne Akkordeon auf die Jagd zu gehen – was fehlt, ist allein die grässliche Hintergrundmusik.“ Am Mittwoch tritt Powell vor den Sicherheitsrat. Er will neue Beweise dafür vorlegen, dass der Irak gegen die UN-Resolution verstößt. Abschwellen wird dieser Chor nicht mehr.

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