Zeitung Heute : Ansichten einer Kunstfreundin im besten Alter

Loni Skulima

Im Entree des Schlosses empfängt uns die Schlossführerin. Damit wir den Kunstschätzen nicht unvorbereitet entgegentreten, stimmt sie uns erst einmal ein - mit einem Vortrag über den Geist der Zeit im Allgemeinen und die Historie des Gebäudes im Besonderen. Wer es gebaut hat, wann und warum und zu welchen Kosten, woher die Baumeister kamen, erfährt der wartende Adept. Die Führerin berichtet von Kriegen, steigt in die Familiengeschichte und die Genealogie der verblichenen Herrschaften ein, beschäftigt sich und uns mit Heiratspolitik. Sie entwirft soziologische Hintergründe, wobei sie nicht mit Jahreszahlen spart.

In dieser allzu langen Zeit haben unsere Fußsohlen schmerzhafte Begegnung mit dem Wagenpflaster gemacht, auf dem einst die hohen Herrschaften in ihren Kutschen hereinrumpelten. Im Bann der gespensterhaften Gefährte werden wir eingelassen. Auch drinnen müssen wir erst einmal Wurzeln schlagen. Ein neuer Schwall an Belehrung wird über uns ausgegossen, ehe wir den real existierenden Kunstgenüssen ausgesetzt werden. Dann dürfen wir unsere eingesteiften Glieder die Freitreppe hinaufbewegen.

Die Führerin löst die Absperrungen und gewährt uns Einlass in die prächtigen Säle. Die historische Glitzerwelt ist erreicht. Die Ahnengalerie fordert unsere Aufmerksamkeit (haben wir nicht schon bei der eigenen Verwandtschaft unsere Schwierigkeiten?). In Standing ovations feiern wir die Taten des Hausherrn, die in den Kunstwerken dargestellt sind. Die Führerin brilliert mit Detailwissen, bis uns schwindelt. Den Kopf im Nacken folgen wir den Perspektiven der Deckengemälde und bemühen uns indes guten Willens, den schwierigen Ikonographien näher zukommen, immer versucht, ein wenig mit den Armen zu rudern, damit uns der Schwindel nicht zu Boden gehen lasse.

Vom Prunk der Deckengemälde schweifen die Blicke immer häufiger zu den gleichfalls prunkvollen Sitzmöbeln hernieder. Sie pendeln zwischen illusionistischem Kunsthandwerk, das mit Gold und Gitterwerk die Wand bis auf den Boden überzieht, zu den Möbeln eines menschenfreundlichen Komforts, der den Spätgeborenen aber natürlich wegen des Denkmalschutzes verweigert ist. Mögen die Antichambrierer vergangener Jahrhunderte, die Hofschranzen, hier einmal stehend ihre Audienz genossen haben, wie die Führerin erläutert, wir sind bedient. Wenn an irgendeinem Eingang der profane Stuhl eines Wärters gerade leer ist, setzt ein kaum verschämter Wettlauf darauf ein. Wer den Sitz erobert hat, wird seines Ruhens nicht recht froh. Missbilligende Blicke streifen ihn, ist da nicht ein anderer kranker, müder, älter als er?

Mittlerweile ist die Schlosserklärerin bei der Schilderung der Veranstaltungen angekommen, die diese Räume gelegentlich zum Wiederaufleben bringen sollen, bei Konzerten, Theater, Vorträgen. Wo sind denn die Stuhlreihen? Warum nur müssen sie jedes Mal die barmherzigen Klappsesselchen, die dann wohl da sein werden, die stapelbaren, hinausschaffen? Wo bleibt der Künstler, der Sitzgelegenheiten als Installation in Minimal Art entwürfe, als Zutat kenntlich, damit sie den Raum nicht stören? Donald Judd ist nicht hier gewesen.

Das Brot des Alltags, das Schlösser am Leben hält, sind die Eintrittskarten der Besucher. Um langatmige historische Erklärungen durchzustehen, wird vom Besucher gelegentlich die Kraft eines Dauerleistungssportlers erwartet, außer Wissensdurst, Devotion und (auch und vor allem moralischem) Stehvermögen. Ein Härtetest, nichts für Schwache, nichts für Senioren. Es ist schwer zu leisten selbst für Kunstfreunde im besten Alter und in bester Verfassung, die nicht nur historische Daten die auch im Buche stehen, sondern sinnliche Erlebnisse bei der Betrachtung des Kunstwerkes einheimsen wollen.

Wie gemütlich ist da eine Kirchenführung! Man darf sich in die Bänke setzen, fromm oder nicht. Die Misericordien im Mönchsgestühl, die Mitleidchen, gewinnen dem Besucher inniges Verständnis ab.

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