Zeitung Heute : Ansichten einer Stadt

Der Tagesspiegel

Von Matthias Kalle, Hamburg

Er hat sich diese Stadt nicht ausgesucht aber er hatte Angst im Zug zu sterben, bevor er Berlin erreicht. Paul ist in Hamburg ausgestiegen, drei weitere Stunden hätte er nicht überlebt, nicht ohne einen Schuss, da ist er sich sicher. „Ja“, sagt Paul und zuckt mit den Schultern, „und seitdem bin ich halt hier.“ Gefällt es ihm – soweit es einem Junkie gefallen kann? Paul sagt: „Hamburg ist keine gute Stadt, aber auch keine schlechte.“

Hamburg, im Frühjahr 2002: Die Koalition aus CDU und Schill-Partei, mit dem Ersten Bürgermeister Ole von Beust und dem Innensenator Ronald Schill, regiert die Stadt nun mehr als fünf Monate. In Berlin klagt man darüber, dass die eigene Stadt seltsam bleiern wirkt seit dem Wechsel – wie ist es in Hamburg? Passiert ist viel, allerdings nicht immer das, was den Bürgern versprochen wurde, stattdessen gab es Pannen: Wochenlang suchte man nach einer Kultursenatorin, auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Neuengamme sollte eine Strafanstalt gebaut werden. Ronald Schill musste sein Haar auf Kokain analysieren zu lassen. Der Bausenator stellte seine Freundin ein und entließ sie wieder, als es Kritik gab. Gelder für Flüchtlingsberatungsstellen und Fixerstuben wurden gestrichen. Paul weiß bald nicht mehr, wohin mit sich.

Paul kam aus der Provinz in die Großstadt, dahin, wo man schneller und besser an Drogen rankommt, und jetzt wartet er mit ungefähr 40 anderen Junkies vor dem FixStern, Schulterblatt, Schanzenviertel. Die Fixerstube ist vollkommen überlastet, demnächst soll sie umziehen, raus aus dem Wohngebiet, weg von den Mü ttern mit Kindern. Manche nennen das „Junkie-Jogging“: Die Süchtigen sollen unter sich bleiben. Der Senat will es so. „Überall ist es besser, wo wir nicht sind“, sagt Paul.

Der Feind wohnt nebenan

Thomas Ebermann lebt in der Nähe des FixSterns und ihn stören nicht die Junkies – ihn stört etwas anderes. Ebermann war mal Kommunist und 1982 Gründungsmitglied der Grünen-Alternativen-Liste in Hamburg. Als die GAL in den Senat gewählt wurde, war Ebermann Fraktionsvorsitzender, nebenbei besetzte er Häuser. Er war in Talkshows, seine Wut auf die Verhältnisse hatte Kraft. Diese Wut trieb ihn 1990 aus der Politik, heute schreibt er für „Konkret“ und für Traberzeitschriften. Der Feind wohnt seit der Wahl nebenan. „Die reaktionären Charaktere in dem Mietshaus, in dem ich wohne, sind unheimlich obenauf, seit Schill für ministeriabel erklärt wurde.“ Als im Herbst der erste Mensch nach Verabreichung von Brechmitteln starb, hätten seine Nachbarn zu ihm gesagt: „Ist nicht schade drum.“ Fühlt sich Thomas Ebermann wohl in Hamburg? „Das ist eine gemeine Frage. Das ist ja die Frage, ob ich mich in dieser Gesellschaft wohl fühle.“ Dann redet er über Schill und über die „zynische Zurückhaltung“ vor der Wahl, als man nur darüber nachdachte, ob so einer dem Ansehen der Stadt schaden könnte. Und er sagt: „ Schill wird nicht kritisiert, weil seine Ideale geteilt werden.“ Irgendwie ist Ebermann froh, dass er in Schill wieder ein Feindbild gefunden hat – so wie all die jungen Linken, die im Schanzenviertel leben. Sie sitzen in Kneipen wie „Im Nil“ oder im „Saal 2“ und reden über Schill, wie über einen schlechten Witz – die Schanze ist „Schill-Out-Zone“. Im Schanzenpark sitzen die Säufer, wer was zu kiffen will, kann es dort kaufen. Gegenüber gibt es Plattenläden, Dönerbuden und Boutiquen mit Designermode. Der Stadtteil wirkt, als hätten ihn die jungen, hippen Linken erfunden: bisschen kaputt, bisschen anarchistisch und ein bisschen schick. Die Junkies duldet man hier zum Beweis für die eigene Liberalität.

Am Hauptbahnhof duldet man gar nichts mehr. Hier scheinen die Versprechen des neuen Senats – Schluss mit der Verelendung, härteres Durchgreifen gegen die offene Drogenszene – eingelö st worden zu sein. Draußen auf dem Vorplatz, da, wo die Süchtigen ihre Drogen kauften und die Punks Bier tranken, da ist: Nichts. Und über die Lautsprecher dudelt klassische Musik. Ein Polizist sagt, das schrecke Penner und Junkies ab.

Ein paar Meter weiter, wo man die Musik nicht mehr hören kann, beginnt das Viertel St.Georg. Hier hat sich Schill für ein Interview mit der „Zeit“ nur mit zwei Leibwächtern hingetraut. Hier lungern in den Ecken die Crack- Raucher, hier verkaufen 14-jährige Mädchen ihren Körper. Und hier ist auch das Deutsche Schauspielhaus und das Büro des Intendanten Tom Stromberg. Stromberg trinkt Tee. Vor ein paar Wochen schaltete er im „Hamburger Abendblatt“ eine Anzeige, eine Persiflage auf den Terminkalender der neuen Kultursenatorin und früheren „Bild“-Autorin Dana Horáková: Ihre Theatertermine sind durchgestrichen, daneben steht „Schill statt Schiller“. Stromberg guckt vergnügt. „Die Anzeige war ein taktisches Foul, das dürfte nicht einmal eine gelbe Karte geben.“ Manche zeigen Stromberg dafür die rote Karte, sie sagen, Stromberg wolle sich nach vorne spielen und endlich beliebt machen bei der Hamburger Kulturelite, die von seiner bisherigen Amtszeit nicht begeistert ist: Das Schauspielhaus ist schlecht besucht, die Inszenierungen gelten Kritikern als langweilig. Und es gibt Gerüchte, dass Horáková mit allen Mitteln Claus Peymann ans Schauspielhaus holen will. Stromberg wehrt sich: „Wir sind ja hier kein Kleintheater, wir müssen politische Akzente setzen.“ Die Gelassenheit der Hamburger begreift er bedingt: „In einer Stadt, die so oft eine Sturmflut erlebt hat, da wird schon mal der Keller nass.“ Macht er sich Sorgen? „Ja.“

Durch den Kakao gezogen

Klaus von Dohnanyi, 1981 bis 1988 Erster Bürgermeister Hamburgs, ist hingegen sorgenfrei. „ Jeder weiß, dass ein politischer Wechsel notwendig war, und jetzt muss man diesem Senat eine Chance geben – ich wünsche dem politischen Gegner immer alles Gute, denn unter Misserfolgen leidet nur der Bürger.“ Wo Parteien zu lange regieren, „entwickeln sich Strukturen, die nicht gut sind, dann lohnt sich ein Wechsel. Ob das in Hamburg der Fall ist, wissen wir noch nicht.“

Wir treffen ihn in Berlin, am Abend zuvor war er noch in Dresden beim „ Philosophischen Quartett“, der einzig mögliche Gesprächstermin ist eine Taxifahrt zum Bahnhof Zoo, Dohnanyi verliert keine Zeit: „Berlin ist gegenwärtig vitaler als Hamburg. Interessanter, facettenreicher – auch kulturell, da wurden in Hamburg in den letzten Jahren falsche Personalentscheidungen getroffen – vor allem im Bereich des Theaters. Das Schauspielhaus ist nicht mehr existent.“ Das muss wohl sein, der kleine Tritt gegen Stromberg. Er habe Anfang der 90er Jahre mal überlegt, nach Berlin zu ziehen, doch die Liebe zu Hamburg war größer. Und deshalb leidet Dohnanyi doch ein bisschen – aber nicht, weil seine Partei nicht mehr über die Geschicke der Stadt entscheidet: „Es ist unangenehm, wenn der neu gewählte Innensenator zum Haartest fahren muss. Es hinterlässt keinen guten Eindruck von Hamburg, wenn da einer versucht, seine Freundin als Mitarbeiterin einzustellen. Man möchte nicht, dass die eigene Stadt bundesweit durch den Kakao gezogen wird. Das ist nicht schön.“

Schön war vieles nicht: Im Wahlkampf machte Schill den Vorschlag, Sexualstraftäter kastrieren zu lassen. Vor einigen Wochen musste er vor laufender Kamera sagen: „Ich habe nie Drogen genommen.“ Und im „Grünen Salon“, bei Erich Böhme, redete er sich um Kopf und Kragen: Mit der Aussage, die Kriminalität zu halbieren habe er „hundert Tage, aber nicht die ersten hundert“ gemeint.

Die andere Seite. Einiges ist passiert: 250 Polizisten wurden eingestellt, 100 Lehrer, 15 Staatsanwälte und 15 Verfassungsschützer. 57 Verkehrsschikanen wurden beseitigt. Das sind die Zahlen, daran will der Bürgermeister Ole von Beust gemessen werden. Den Vorwurf der sozialen Kälte lehnt er ab: „Mein Gott, immer, wenn eine sozialdemokratisch dominierte Regierung von der CDU abgelöst wird, kommt der Vorwurf der sozialen Kälte. Das ist ein ziemlich langweiliges Ritual.“ Langweilig findet er es auch, dass man ihm, der mal als einer der „jungen Wilden“ bei den Christdemokraten galt, die Koalition mit einer Partei rechts von der CDU vorwirft. „Verspielt hätte ich mein Ansehen dann, wenn ich die Möglichkeit, nach 44 Jahren SPD-Dominanz einen Regierungswechsel herbeizuführen, nicht genutzt hätte.“ Der Bürgermeister scheint allerdings doch viel zu tun zu haben, für ein Gespräch hatte er keine Zeit. Er beantwortete unsere Fragen per E-Mail.

Der „Zeit“-Verleger Gerd Bucerius sagte einmal über die Hamburger: „Man steht politisch mitte-rechts“, und das hört sich an, wie ein Gesetz, egal, wer die Stadt regiert. Und manchen scheint alles egal zu sein, es ändert nichts an ihrem Leben. Die Besserverdienenden, die auf dem Isemarkt in Harvestehude einkaufen, sagen, dass das alles nur ein Spuk sei. Einer sagt: „Wir haben die SPD 44 Jahre lang ertragen, jetzt ertragen wie auch vier Jahre Schill.“

Dohnanyis Amtsnachfolger war Henning Voscherau, der sieht das etwas anders: „Ich halte nichts von einer Koalition, in der eine liberale Partei mit einer völkischen law-and-order-Partei koaliert und so tut, als sei das eine Selbstverständlichkeit.“ Voscherau trat 1997 zurück, als seine Partei bei der vorletzten Senatswahl viele Stimmen verlor. Seither arbeitet er wieder als Notar am Alstertor, manchmal macht er noch politische Veranstaltungen, und ihm liegt viel daran, dass das Ansehen seiner Stadt nicht zerstört wird: „Für Hamburg ist das, was im Moment passiert, ein Schaden von Dauer. Dadurch, dass über Senatoren geredet wird, wie über Bundesligatrainer. Das wäre früher unvorstellbar gewesen.“ Und dann spricht er über Würde und Disziplin. Beides vermisst er.

Voscherau bleibt gelassen, auch wenn er sich aufregt – hanseatisch eben: „Schill hat die Haider-Stategie abgekupfert und unseriöse Versprechen gemacht. Er hat einen Ton angeschlagen, eine Sprache, die hochbedenklich ist und den demokratischen Respekt vor der anderen Meinung vollständig vermissen lässt – das ist bis heute auch in der Bürgerschaft so.“ Voscherau bekommt eine ruhige, fast vornehme Wut, wenn er über Schill spricht. „In unserem Land gibt es Geister, die lässt man besser in der Flasche. Schill hat diese Flasche entkorkt und räkelt sich jetzt auf seinem Senatorensitz.“

Ole von Beust gibt sich und dem Senat die Schulnote Zwei minus. Noch gut. Noch?

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