Zeitung Heute : Anstoß in Kabul

Drei Mädchen in Afghanistan: Ihr Traum von der großen Karriere im Fußball.

-

Von Roger Willemsen Ein weiträumiger Platz am Stadtrand, darüber verstreut Fußballtore, dazwischen weidende Kühe. Von irgendwo wimmernde Musik. Die Straßenkinder in Staub gewälzt mit igelartig hochstehenden Frisuren, jede Strähne einzeln staubergraut, in den Händen Sandaletten, angefressene Fingerbrotfladen, einen leeren Kanister.

Diese Kindergesichter sind, wie ich nie welche gesehen habe, zugleich kindlich, im stürmischen Temperament dauernd begeistert, und zugleich alt, mit Tränensäcken und tief eingefressenen Falten um die Augen, um die Mundlinien. Alte Weiber in Kinderkörpern, mit staubgetuschten Wimpern.

Auf der anderen Seite des Feldes liegt hinter einem Betonbau das große Sportstadion. Hier dürfen die Kinder die Athleten mit Wasser versorgen und bekommen eine Kleinigkeit dafür. Das Brot haben sie ausländischen Soldaten für fünf Afghani abgekauft. Noch stillen sie damit den eigenen Hunger.

„Kennt ihr eigentlich die Fußballerinnen, die hier trainieren?“ – „Wir waren sogar schon in ihren Büros.“ Der Anführer blickt kühn. Er kennt alle Spielergebnisse der Männer- und der Frauenmannschaft, hätte auch selbst gerne gespielt, „aber mein Vater ist tot, und ich muss zum Erhalt der Familie beitragen“.

Wir lassen uns von ihm ins Stadion führen, einen geschundenen Ort. Er beobachtet unsere Gesichter, sagt dann: „Für euch sieht das dreckig aus, für mich ist es das Paradies.“ In dem Acht-Quadratmeter-Raum im Übungshaus, ausgelegt mit Matten, laufen zwei Männer ausdauernd im Kreis. „Das sind die Boxer“, sagt der Kleine mit Ehrfurcht.

Im oberen Stock eine freundliche Begegnung mit dem afghanischen Trainer der Frauenmannschaft und dem deutschen Supervisor. Der afghanische Betreuer, ein „Fußballverrückter“, mit seinem dunklen Schnäuzer und seiner Adidas-Jacke ein Wiedergänger aus dem Fußballdeutschland der siebziger Jahre. Daheim ist der Schnäuzer längst ausgestorben. Der Trainer erweist sich als ein Enthusiast, dessen Freundlichkeit auf seiner Trauer schwimmt. Er bereist das ganze Land auf der Suche nach Talenten, bemüht, auch in anderen Provinzen zu trainieren. Im Norden, von wo er eben heimgekehrt ist, hat man vor einem halben Jahr noch eine Frau gesteinigt. Der Fußball ist auch eine Antwort.

Wir werden in ein Zimmer geführt, das auf zwei Seiten von geschlossenen Vorhängen umgeben ist und so fast wie ein Zelt wirkt. An der Wand Plakate der dreimaligen Weltfußballerin des Jahres Birgit Prinz, die hier vor kurzem ein Training mit den Spielerinnen absolvierte. Sie hat sich viel Freundschaft, viel Respekt unter den Afghanen erworben. Körperlich wirkt sie wie eine Kampfmaschine gegen die zarten, klein gewachsenen, eher unterernährten drei Spielerinnen, die jetzt in das Trainer-Büro kommen: die Erste mit schwitzenden Händen, asiatischem Gesicht, Kopfschleier, die Zweite mit der rauen Haut und der Gesichtsröte aller, die draußen schlafen, die Dritte ein Porzellandämchen mit fein gezeichneten Zügen, Türkisschmuck, verrutschtem Kopfschleier und unschuldiger Koketterie. Dies also sind drei Führungsspielerinnen, drei aus elf Klubs in Kabul, die sich demnächst gegen Mannschaften aus immerhin drei afghanischen Provinzen werden behaupten müssen.

Das Team, aus dem einmal die afghanische Frauen-Nationalmannschaft werden soll, besteht aus einem Kader von 14- bis 18-Jährigen, deren wichtigste Voraussetzung es ist, sich mit ihrer Leidenschaft gegen die Bedenken der Familie und der Gesellschaft durchgesetzt zu haben. Und wie schwer sind die Bedingungen! Zu Hause zu trainieren, ist fast unmöglich, es fehlt Platz. In offenen Räumen, unter den Blicken der männlichen Gaffer, ist die Ausübung des Sports verboten. Noch bleibt es beim nichtöffentlichen Spielen. Denn die Mädchen trainieren in langen Hosen, aber kurzärmlig und ohne Kopftuch. Ein Erfolg, denn noch vor ein paar Monaten haben sie mit Schleier trainiert, und mehr wird jetzt noch nicht akzeptiert. Nun ruht auf diesen schmalen Schultern ein Teil der Last, in einer Gesellschaft, die die Frauen so lange verbarg, die physische Präsenz, die Öffentlichkeit des Frauensports durchzusetzen. Eines der Mädchen hat mit seinen Brüdern trainiert und sich dann registrieren lassen. Ihr Kopfballspiel ist heute besser als das mit dem Fuß.

„Und spielt ihr hart, foult ihr?“ – „Ich wurde schon oft gefoult, aber selbst noch nie vom Platz gestellt. Andere schon. Die kriegen dauernd Gelbe, auch schon mal Rote Karten.“ Man freut sich über jede Lappalie, die dieses Spielen hier zu einem normalen macht.

Der Trainer ergänzt: „Eine gute Spielerin braucht einen guten Charakter, sie muss ein Beispiel geben können, gerade in diesem Ausnahmesport, und: Eine gute Spielerin tut nach ihren Kräften und ihrem besten Willen das, was ihr Trainer ihr sagt.“ Eine der Spielerinnen hat den Fußball im Flüchtlingslager in Pakistan kennen gelernt. Sie schaute einer Partie zu, regte sich dabei furchtbar auf und wollte sofort selbst spielen. „Wir legten alles Geld für einen Ball zusammen, und es konnte losgehen. Es gab zwei Mädchen, die richtig gut damit umgehen konnten. Das spornte andere an, sie mischten sich ein, spielten selbst, und so wurde allmählich eine Mannschaft daraus.“ Sie resümiert wie eine Fachkraft: „Weil eine gut war, konnte sie die anderen faszinieren.“

Um trainieren zu können, sind die Mädchen auf Unterstützung durch ihr Zuhause angewiesen. Die Eltern müssen Courage beweisen, sie müssen Ressentiments aushalten und zur Motivation der Kinder beitragen. Nicht leicht, wenn man Stunden zum Training unterwegs ist – bange Stunden unter Umständen, denn der Weg ist nicht ungefährlich. Das Mädchen, das heute zwei Stunden mit dem Fahrrad fuhr, um rechtzeitig zur Stelle zu sein, wurde auf dem Weg schon mit Steinen und Bananenschalen beworfen.

Aggression gegen ihren Sport? Kompensation der Kriegstraumata? Wer könnte das sagen? Alles wird hier beobachtet: ob sie Schminke, ob sie Lippenstift auflegen, kurzhosig spielen, den Schleier ablegen, alles, alles wird kommentiert. Schon deshalb können die Mädchen nur in der Halle trainieren, sich nur langsam verbessern, und es fehlen ihnen internationale Wettbewerbe. So zart sie scheinen, allein der psychische Druck, den sie hier aushalten müssen, um ihr Training zu absolvieren, ist erheblich. Gut, dass es am Wochenende nach Turkmenistan geht, zu einem Freundschaftsspiel.

Auf dem Tisch ein gerahmtes Bild von Sepp Blatter, Fifa-Wimpel und Medaillen in der Vitrine, daneben eine Weltkugel aus Lapislazuli. Irgendwie sind diese Abzeichen und Trophäen die Insignien ihres Eintritts in die Welt des Fußballruhms. Ach, sie sehnen sich nach öffentlichen Auftritten, nach Reisen, nach Stadien mit gefüllten Rängen, und doch ist der Weg so weit. Ich wende mich an die Rotgesichtige: „Und ist dein Vater ein Fußballfan?“ – „Nein, er ist tot. Aber meine Mutter ist stolz. Deshalb darf ich zu Hause mit meinen Cousins trainieren, sie werfen mir die Bälle zu.“

Sie hat einen ungesunden, tief sitzenden Husten. Unmöglich, nicht nach der Familie zu fragen, unmöglich, es doch zu tun, wenn man weiß, dass in jeder Antwort Tote liegen werden. Da sie sich dauernd für ihre Fehler entschuldigen, versuche ich es mit dem bewundernden Blick von außen: „Denkt mal, ihr seid Pionierinnen. Mit euch fängt alles an, eines Tages wird man eure Fotos in den Büchern finden. Da beginnt der afghanische Frauenfußball, wird man sagen, und auf den ersten Seiten sieht man euch, so wie ihr jetzt seid. Man wird sagen, sieh mal die Schuhe, die Hemden, da waren sie noch verschleiert, da trugen sie noch lange Hosen … ihr bereitet den Weg.“ Sie verstehen den „Weg“ nicht. So eine Zukunft hat insgesamt etwas Unvorstellbares.

Weniger für den Trainer. Von ihm hängt alles ab, von seiner Durchsetzungsfähigkeit gegen die Widerstände der Männer, von seiner Fähigkeit, mit Begeisterung anzustecken, auch von seiner Findigkeit. Unermüdlich reist er durch die Stadtviertel, besucht die Familien, beobachtet Talente und dosiert, was man den Eintritt des Frauenfußballs in die afghanische Öffentlichkeit nennen könnte.

Seine Strategie der Öffentlichkeit gegenüber ist subversiv: Erst wurde geheim trainiert, dann lancierte man erste kleine Meldungen in der Presse. Seit einem Jahr etwa erfährt die Öffentlichkeit überhaupt vom Frauenfußball. „Für unseren Trainer“, sagen die Mädchen, „würden wir alles tun, alle. Wenn er ruft, dann kommen wir, egal, wo wir sind.“ Er schenkt ihnen Gehör, zeigt ihnen Lehrvideos, nach denen sie lernen, wie man köpft und dribbelt, und bemüht sich, Strenge zu zeigen.

Sie holen Fotos der ganzen Mannschaft hervor: Hübsche junge Frauen in Blau und Rot, denen man ansieht, wie viel Mut sie brauchen, diesen Sport in die Öffentlichkeit zu tragen, und die manchmal eingeschüchtert werden von der Resonanz auf ihr Tun. Ich versuche mich fachsimpelnd am Trainer, ihm gefällt das. „Welches System spielen Sie?“ – „4-4-2. Wir sind im Sturm besser als in der Verteidigung.“ Die Mädchen gucken, als seien sie verwundert, schon Teil eines „Systems“ zu sein. Sie kennen den Weltfußball nur in Ausschnitten, haben von den Strategien, mit denen man auflaufen kann, keine genaue Vorstellung, aber sie verehren Ronaldinho, Ronaldo, auch Michael Ballack.

„Und wer wird Weltmeister?“ Zwei Stimmen für Brasilien, eine für Deutschland. – „Und habt ihr keine Angst davor, vom vielen Spielen dicke Beine zu kriegen?“ Kichern. Dann: „Wenn es so wäre, wären wir nicht so weit gekommen. Wenn man erst mal auf das Feld geht, rechnet man immer damit zu verlieren. Aber wenigstens geben wir unser Bestes. Da können wir auf unsere Beine keine Rücksicht nehmen.“ – „Habt ihr schon eure Rituale vor dem Spiel?“ Und ob: Die eine liest bestimmte Koranverse, die Zweite zündet eine Kerze an und isst dazu Trockenfrüchte, „denn beim Essen verschwinden die Probleme“. Die Dritte betet.

„Und euer Schlachtruf?“ – Aus einem Mund: „Wir wollen zusammengehören wie die Finger einer Hand!“

Dann ergreifen sie ihre Handtäschchen, sprechen eine Einladung zum Essen aus, herzlich, wenn nicht inständig, und verlassen den Raum. Schon zwanzig Meter weiter, an der großen Straße, würde niemand mehr vermuten, dass in diesen drei Teenagern die Hoffnung des afghanischen Frauenfußballs geht.

Das „Paradies“ des Stadions, von dem uns der kleine Straßenjunge erzählt hatte, ist eine Arena mit schwer beschädigten, aber geschmückten Tribünen, über denen sich die Bildnisse Karsais und Massuds und historischer Heerführer erheben. Große Pfützen liegen auf den Rasenflächen und der Laufbahn, auch sieht man noch die Brandspuren an Stellen, wo früher öffentlich Drogen verbrannt wurden. Ich hatte dieses Stadion in dem Dokumentarfilm von Saira Shah gesehen, ein Ort der Schrecken, der Schauprozesse und Hinrichtungen. Der Trainer fällt ein: „Wir haben Tage erlebt, da hat man die Opfer an den Torlatten aufgehängt, Frauen wurden hier in der Burka ausgepeitscht oder gesteinigt, und dort drüben, wo heute kein Gras mehr wachsen will, da hat man Menschen erschossen. Uns hat man gesagt, wir sollen alle kommen und zusehen. Die oberen Tribünen waren reserviert für die Frauen.“

Er zeigt hinauf mit einem Arm, dem auf dem Weg zur Vollendung der Geste die Kraft ausgeht: „Da oben standen sie, und die Wachleute immer drum herum. Vorne stand mit dem Mikrofon der Mullah und erklärte, um welche Tat und um welche Strafe es sich handelte. Er sprach das Urteil. Dann wurde einem aus der Familie der Revolver überreicht, und er musste dann das eigene Familienmitglied erschießen, nicht mit einem Schuss, mit dreien, in Kopf, Brust und Bauch. Einige der Familienmitglieder sind dabei so durchgedreht, dass sie ganz viele Schüsse abgegeben haben, aus Angst, etwas falsch zu machen.“

Der Trainer kann diese Dinge kaum sagen. Seine Frau, so erfahren wir nebenbei, trainiert selbst eine Mannschaft. Damals ist er zu ihr nach Hause gegangen und krank geworden. Genauer kann er auch das nicht begründen. Er hat viel durchgemacht. „Glauben Sie mir. Wir sind so froh, dass wir überlebt haben und arbeiten dürfen, indem wir spielen!“

Zwischen den Sätzen klaffen Abgründe. Der Rasen ist ein Acker voller lehmiger Stellen und Pfützen, und da hinten vor der rechten Eckfahne wächst nichts, da liegt bloß ein großer dunkler Fleck. „Wir haben das ganze Jahr über versucht, da Rasen zu sähen, wo die Leute erschossen wurden. Aber er wächst nicht an. Er wächst nicht.“

Er wendet den Kopf ab. Ein Tag wie im Spätsommer liegt über dem Platz. Als ein Militärflugzeug darüberstreift, heben sich alle Köpfe.

Der Text (leicht gekürzt) ist Willemsens Buch „Afghanische Reise“ entnommen, das morgen erscheint; Verlag S. Fischer, 16,90 Euro.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben