Zeitung Heute : Anti-Hasch für Dicke

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Ein Mittel gegen Übergewicht und Nikotinsucht

Hartmut Wewetzer

Der chinesische Kaiser Huang Ti empfahl Cannabis als Mittel gegen Krämpfe und rheumatische Schmerzen. Das war vor mehr als 4500 Jahren, und über die Jahrtausende hinweg wurden die Blätter und das Harz der Hanfpflanze immer wieder medizinisch genutzt. Doch erst 1988 entdeckten Wissenschaftler, dass unsere Körperzellen eigene Andockstellen für den Cannabis-Wirkstoff THC besitzen. Sie finden sich vor allem im Gehirn, aber auch auf einigen anderen Organen. Damit war klar: unser Organismus stellt sein eigenes „Haschisch“ her, von den Wissenschaftlern Endocannabinoide getauft.

Das körpereigene Cannabis hilft gegen Stress. Es erleichtert die Entspannung, baut wieder auf, wo an Reserven genagt worden war und regt den Appetit an. Es bringt die Balance. Aber es gibt auch Anzeichen dafür, dass unser sitzender Lebensstil mit dem Cannabis-System eine unheilige Allianz eingegangen ist. Denn es stellte sich heraus, dass etwa bei Menschen mit Übergewicht das Cannabis-System auf Hochtouren läuft. Fett wird gespeichert, Blutfette und das Diabetes-Risiko steigen. „Metabolisches Syndrom“ haben Mediziner diesen Mix von (Zivilisations-)Risiken getauft. Er erhöht die Gefahr von Herzinfarkt, Schlaganfall und Zuckerkrankheit. Die körpereigene Stress-Bremse ist nicht mehr Teil der Lösung, sondern des Problems. Und bei Rauchern sieht es ähnlich aus – auch bei ihnen ist zu viel „Hanf im Eigenanbau“ im Spiel.

Der Pharmahersteller Sanofi-Aventis verspricht nun Abhilfe. 1994 entdeckten Mitarbeiter der Firma eine Art Anti-Hasch – den Wirkstoff Rimonabant. Er blockiert eine Andockstelle für das körpereigene Cannabis. In vier großen Studien bewährte sich das Mittel, das 2006 auf den Markt kommen soll. Dreimal wurde es bei Übergewichtigen eingesetzt, einmal zur Nikotinentwöhnung.

Wer abnehmen will, sollte vor allem weniger essen. Wozu braucht man dann noch ein Medikament? Laut Hersteller ist Rimonabant aber mehr als ein neuartiger Appetitzügler. „Das Mittel verringert die Risikofaktoren bei Übergewichtigen, es wirkt sich gleichzeitig günstig auf Blutfette, Diabetesrisiko und Körpergewicht aus“, beschreibt Bernd von Stritzky von Sanofi-Aventis die Wirkung.

Dabei hat man vor allem jene Menschen im Blick, bei denen sich das Fett rund um die Taille sammelt. Als besonders gefährdet gelten Männer mit einem Bauchumfang von 102 Zentimeter an und Frauen von 88 Zentimeter an. Nach der jüngsten Studie waren nach zwei Jahren Therapie Rimonabant-Einnehmer acht Zentimeter Bauchumfang los – doppelt soviel wie jene Personen, die nur ein Scheinmedikament bekommen hatten. Allerdings sieht es nach den bisherigen Ergebnissen so aus, als ob Rimonabant dauerhaft eingenommen werden muss. Nie war Abnehmen nüchterner.

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