Zeitung Heute : Anti-Trends leben

Sonja Niemann

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Ich bin bekannt dafür, dass Trends immer spurlos an mir vorbeigehen. Schon in der Schule trug ich meine Bücher in einem Rucksack herum (den man aus irgendeinem Grund nur über eine Schulter hängen durfte), anstatt als ironisches Statement bis zum Abitur den Scout-Ranzen aus der Grundschule zu tragen. Meinen ersten Nietengürtel kaufte ich erst im Jahr 2001, als Niete an sich schon komplett durch war und das neue große Ding T-Shirts mit Pferdeköpfen waren. In Berlin kenne ich ohnehin nichts, was angesagt ist oder mal war. Manchmal halten mich in Mitte junge Touristen an und fragen mich, wo denn das Restaurant „Mädchenitaliener“ sei oder Clubs, die „Rio“ oder „Fun“ heißen, und wenn ich dann mit Achseln zucke, sehen sie mich mitleidig an und sagen vorwurfsvoll: „Die kennt man aber doch.“

Insofern bin ich wahnsinnig stolz, jetzt selbst einen neuen Trend kreiert zu haben: Den Anti-Trend. Das ist gar nicht so einfach, wie man denkt. Es gibt einfach zu viele Dinge, die in Gefahr stehen, irgendwann wieder cool zu werden, etwa Tipp-Kick-Spielen oder strähnige Haare haben oder nicht tätowiert sein. Das ist aber nicht der Sinn der Sache. Anti-Trend heißt: Man macht Dinge, die wirklich nie, nie wieder „in“ sein werden. Nie.

Anti-Trend heißt: Man trägt Sweatshirts und Pickel am Kinn, die nicht überschminkt werden. Man isst in Restaurants, die aussehen wie die durchschnittliche Kleinstadtpizzeria in der Fußgängerzone 1983, mit klein gemusterten Eckbänken, Chianti-Korbflaschen und garantiert zitronengras- bzw. rucolafreien Gerichten. Man trinkt Pina Colada in Cocktailbars, die künstliche Palmen sowie sandbestreute Fußböden haben und bevorzugt „Coco Jungle“ heißen. Dort vermeidet man den üblichen Party-Smalltalk über das eigene Sexualleben oder eigene Depressionen. Man redet stattdessen übers Waldsterben. Außerdem sucht man sich einen krisensicheren Job mit festem Arbeitsvertrag und übt ihn mehr als 30 Jahre lang aus. Anti-Trend erfordert radikale Maßnahmen. Aber das muss es einem wert sein, wenn man mal ganz vorne mit dabei sein will.

Keine Empfehlung – es gibt sehr viele Anti-Trend-Restaurants und Cocktailbars in ganz Berlin. Halten Sie einfach die Augen offen, besonders auch und gerade in Prenzlauer Berg.

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