Zeitung Heute : Antihelden in Strumpfhosen

Romy Uebel

Jeans sind nicht gleich Jeans – das dürfte jeder wissen, der sich schon einmal beim Kauf dieser Hosen durch die Sortimente probiert hat. Um die Verwirrung um Passformtrends und vor allem die Umsätze stabil zu halten, erklärt die Modeindustrie alle Jahre wieder einen neuen Schnitt – oder schöner ‚Fit’, yeah – zum unumgänglichen Musthave, Figur hin oder her. Diesem Branchengebaren verdanken wir unter anderem das Hüftjeans-Debakel und den damit einhergehenden, schmerzenden Anblick von Stringtangas, Arschgeweihen und überlappenden Speckrollen.

Das bislang letzte, visuelle Attentat der Jeansschneider, allen voran der skandinavischen, war die Reanimierung der Röhrenjeans. Bereits in den 80ern machten diese aufgesprüht wirkenden Buxen kaum jemals eine gute Figur, und auch heute zeigen sie die grausame, da quasi unverhüllte Wahrheit: X-,O- und Spinnenbeine, Radlerwaden und mächtige Schenkel, hängende Pobacken und Knubbelknie. Als wären über Nacht alle Spiegel dieser Welt verbannt worden, erfreuen sich die Quetscher wachsender Beliebtheit. Trendgierige Damen kombinieren die Jeans vorzugsweise mit flachen Ballerinas, was das Bein eher unvorteilhaft staucht als streckt, und auch überhängende Sackleibchen-Oberteile, im Fachjargon Babydolls – oder A-LinienTops, verstärken eher den Michelinmännchen- als den Elfen-Effekt.

Aber nicht nur die Damenwelt ist dem Slimfit-Wahn verfallen. Besonders prominente Röhrenfans aus der Musikszene wie etwa The Strokes, The Hives oder Franz Ferdinand tragen Verantwortung dafür, dass sich auch immer mehr XY-Chromosomenträger in die Beinkleider zwängen. Mittlerweile schwört eine wahre Klon-Armada blasser Bübchen mit ungewaschenen Haaren auf die Denims von Cheap Monday, Acne, April77 oder Lee und träumt vom Rockstar-Dasein. Die pickligen Antihelden in Strumpfhosen sehen dabei meist lediglich nach Essstörung und BAföG aus, von Bühnenglamour hingegen keine Spur. In naher Zukunft sollten sich jene Trendadapter ihre Vorbilder allerdings in Altikonen wie John Lennon oder Bob Dylan suchen und nach inspirierenden Woodstock-Bildern googeln. In den internationalen Designerstübchen wird nämlich gerade am nächsten Hype gefeilt. Und ob wir wollen oder nicht: Die Schlaghosen kommen zurück! Bereits in den kommenden Herbst-Winter-Kollektionen sitzt der Hosenbund hoch in der Taille und die Beine sind weit ausgestellt. Kein Witz, aber sicher trotzdem zum Lachen!

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