Zeitung Heute : Antisemitische Sprüche im Klassenzimmer

Der Tagesspiegel

Ein jüdischer Junge russischer Herkunft wird von einem seiner Mitschüler geschlagen. „Bist du Jude?“, hat ihn der andere zuvor gefragt. Für eine Antwort blieb keine Zeit. Auf einer Klassenfahrt nach Dresden werden kurz nach Ostern Schüler der Jüdischen Oberschule mit antisemitischen Sprüchen angemacht – von vermutlich arabischen Jugendlichen. Und bereits im November jagten sieben türkische Mädchen eine jüdische Schülerin. Bewaffnet mit Baseballschlägern und Messern. Der Nahostkonflikt erreicht indirekt auch Berliner Klassenzimmer. Die Stimmung unter arabischen und speziell palästinensischen Berliner Jugendlichen an den Schulen schwankt zwischen Verunsicherung und Aggression.

In einem internen Bericht über die Entwicklung von (rechts-) extremistischen Delikten im laufenden Schuljahr stellt die Landesschulverwaltung eine grundlegende Veränderung fest. Rechtsextremismus an Schulen, das wird auschließlich aus dem Ostteil der Stadt gemeldet. Im Westteil hat der in Schulen gemeldete Antisemitismus arabische Züge. „Es scheint kein Zufall“, heißt es beim Landesschulamt, „dass die aktiven Sympathieäußerungen mit den antiamerikanischen Terroranschlägen in allen gemeldeten Fällen aus den westlichen Bezirken von Schülern nichtdeutscher Herkunft gemacht werden, während rechtsextrem motivierte Aktivitäten und die offenen Sympathieäußerungen zur Zeit ausschließlich aus den östlichen Bezirken gemeldet werden“. Offenbar reagiere ein Teil der palästinensischen und arabischen Jugendlichen damit auf seine Weise auf das, was ihm auch in der Familie über den Nahostkonflikt vermittelt werde.

„Das ist kein Nahostkonflikt im Klassenzimmer“, wägt Bettina Schubert, zuständig für die Gewaltprävention beim Landesschulamt, „doch es gibt eine ernstzunehmende Gewaltlatenz“. Aus den Schulen hört Schubert vor allem von der Unsicherheit jüdischer und palästinensischer Schüler. Die Stimmung sei angespannt - und auch so mancher Lehrer habe Schwierigkeiten, in dieser angespannten Lage die richtigen Antworten für die Schüler zu finden.

Auffällig an den antiisraelischen und antisemitischen Vorfällen ist dabei insbesondere eines: Die Schüler rechtfertigten ihr Verhalten mit Argumenten, „die in Berlin von radikalen islamistischen Kreisen verbreitet, ja sogar in fundamentalistisch orientierten Moscheen gelehrt werden“.

Die Gesamtzahl der Vorfälle in Ost- und West scheint trotz dieser Veränderungen nicht zu steigen. Bislang wurden 21 extremistische Fälle gemeldet, gegenüber 50 im gesamten letzten Schuljahr. Bedrohungen wurden im laufenden Schuljahr 25 gemeldet, im Jahr davor waren es insgesamt 65 Meldungen. Das Landesschulamt geht deshalb von einem Rückgang im gesamten Schuljahr aus. Und auch Körperverletzungen kommen nach dem vorläufigen Bericht etwas seltener vor. Barbara Junge

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