Zeitung Heute : Antizyklisch handeln

Wie ein Berliner, West, die Stadt erleben kann

Lorenz Maroldt

Gewissermaßen befinden wir uns ja derzeit alle im Abschwung, man könnte auch sagen: Uns geht’s ganz schön dreckig. Jetzt will die Regierung auch noch mehr Geld fürs Leitungswasser haben und erhöht – wie originell – die Steuern; mehr Geld bekommt sie natürlich nicht deswegen, da putzen wir uns eben mit Champagner die Zähne und duschen mit Evian.

Aber eigentlich müsste man jetzt wirklich mal sparen. Nicht etwa, weil alles immer teurer würde, nein, wegen der Rabatte! So viel Geld kann man ja gar nicht ausgeben, wie nötig wäre, um die ganzen Angebote auszunutzen, und dann ist die ganze Bude voller Zeug, das doch niemand braucht, jedenfalls nicht doppelt und dreifach. Also lieber sparen . . . obwohl: Die Regierung macht’s ja gerade andersherum, antizyklisch nennt sie das. Geld ist alle? Macht nichts, holen wir neues von der Bank!Die Wirtschaftswissenschaft, hier als Zitat von der Kollegin Weidenfeld, erklärt das so: Es ist konjunkturtechnisch unklug, im Abschwung die Sparanstrengungen zu verdoppeln, weil das das Wachstum bremst. Und wachsen, nicht wahr, wollen wir ja alle noch ein bisschen, wenn es geht selbstverständlich auch gerne über uns hinaus. Also: mal antizyklisch vorgehen. Wie wär’s – mit Kaviar?

Kaviar hatte ich im Sommer auf einer sehr schönen Seereise die norwegische Küste hinauf, mit 14 Knoten immer weiter Richtung Nordkap: schwarzen Kaviar, orangefarbenen Kaviar, ganz viel Kaviar, aus tiefer Glasschüssel großzügig auf den Teller gelöffelt. Aus heute nicht mehr ganz nachvollziehbaren Gründen war ich der Meinung, Kaviar sei besonders kostbar, also: teuer. Vielleicht lag es daran, dass ich einst, bei Artur Brauner in der Koenigsallee, ein Löffelchen aus Russland so derart weihevoll serviert bekam, dass jeder andere Gedanke („Das sind auch nur etwas streng nach Brackwasser riechende schwarze Kügelchen“) Frevel gewesen wäre. Jedenfalls hoffte ich nun, bei jener Passage auf der MS „Polarlys“, ich könnte mir durch maßlosen Kaviarverzehr wenigstens einen Teil der exorbitant teuren, gewissermaßen also antizyklisch gebuchten Reise – na ja: schönrechnen.

Es schien auch zu gelingen, bis ich dann vor kurzem bei Kaiser’s auf der Suche nach Salzgurken im Regal zwischen eingelegten Sardinen und rundgeschnittenen Tunfischresten einige Glasdöschen entdeckte, in denen sich kleine schwarze Kügelchen befanden, die aussahen wie: Kaviar. Irgendwas mit Seehasenrogen stand drauf, und der Preis – eine Katastrophe. Nur ein Euro nochwas!

Es war dann so, dass einige Tage später eine sehr beruhigende Anzeige vom KaDeWe in unserer Zeitung war mit dem Hinweis auf ein Supersonderangebot, kleine Dose Kaviar für elf Euro gequetschte. Na bitte, dachte ich, der Aufschwung, Kaviar kostet langsam wieder was er soll, und die Kügelchen sind auch gleich ’ne Nummer größer.

Aber was bedeutet das jetzt: Doch sparen, weil das im Aufschwung sinnvoll antizyklisch ist? Oder gilt dann eine andere Regel? Gleich mal die Kollegin Weidenfeld fragen.

Geld ausgeben geht überall. Hauptsache man tut es, bevor es einem die Regierung wegnimmt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar