Zeitung Heute : Anwalts Theorie

Robert Amsterdam war der Verteidiger von Michail Chodorkowskij. Ein Job – aus dem dann viel mehr geworden ist

Stefanie Flamm

Er hatte es sich einfacher vorgestellt, damals im Sommer 2003, als der Jukos-Chef Michail Chodorkowskij ihn, den international agierenden Fachmann für Wirtschaftsrecht, anheuerte, um seinen, wie er damals dachte, kurzzeitig inhaftierten Kompagnon Platon Lebedew vor Gericht zu vertreten. Der kanadische Anwalt Robert Amsterdam war schließlich einiges gewöhnt. In Guatemala bekam er, sobald er aus dem Flugzeug gestiegen war, von seinen Mandanten einen bewaffneten Personenschützer zur Seite gestellt, in Mexiko hätte man ihn einmal fast erschossen. „Staatskriminalität ist meine Spezialität“, sagt er und wirkt dabei gelassen wie der deutsche Außenminister in besseren Tagen. Er hat auch in etwa die gleiche Figur. Die Schöße seines Jackets reichen fast bis zu den Knien, das kaschiert ein wenig die Hüften. „Ich dachte, wir kriegen das schon hin.“ Doch Robert Amsterdam hat sich getäuscht. Mit juristischen Argumenten komme man in diesem Fall keinen Schritt weiter, sagt er. Aber vielleicht auf anderen Wegen.

Es ist acht Uhr abends. Im Restaurant der Paris Bar an der Berliner Kantstraße ist noch nicht viel los. Amsterdam bestellt sich eine überbackene Zwiebelsuppe, Ulrich Schreiber, der Leiter des Internationalen Literaturfestivals bekommt Lammkottelets. Die beiden Männer haben sich im Meschanski-Gericht, wo Chodorkowskij und Lebedew vor zwei Wochen zu einer Lagerhaft von neun Jahren verurteilt wurden, kennengelernt. Dort hat Schreiber Amsterdam eingeladen, diesen Herbst auf dem Festival zu sprechen. Und Amsterdam hat sofort zugesagt. Die Idee gefiel ihm. „Wir müssen, wenn wir über Russland reden, mehr auf unsere Sprache achten.“ Demokratie sei dort nur ein hübscheres Wort für Autokratie, ein Prozess, zumindest jener, an dem er beteiligt war, ein perfekt choreografiertes Schauspiel, das die Zerschlagung des erfolgreichsten russischen Energieunternehmens legitimieren sollte. Amsterdams Rolle beschränkte sich darin auf die des Statisten. „Ich saß einfach da und hörte zu, wie die Richterin sich durch einen Text quälte, den sie offenbar selbst zum ersten Mal las.“

Es muss frustrierend gewesen sein, zumal der 49-jährige Kanadier ein guter Redner ist. Auch an diesem Abend spricht er die meiste Zeit in Plädoyerform, Sätze, die ihm besonders wichtig sind, wiederholt er in verschiedenen Variationen, Worte wie „größter Staatsdiebstahl seit dem Zweiten Weltkrieg“ und „Tschetschenisierung Russlands“ intoniert er besonders laut. Dabei ruht seine linke Hand auf der Lehne des Nachbarsitzes, mit der rechten löffelt er die Suppe. So sitzen Männer, die wissen was sie wert sind. Als der Kellner ihm einen Weißwein einschenken will, schüttelt er den Kopf. Wasser bitte. Amsterdam hat noch keinen Feierabend. In seinem Berliner Hotel wartet schon ein Kollege, der extra aus Moskau gekommen ist. Sie haben in dieser Nacht noch einiges zu besprechen. „Es geht um Leben oder Tod.“

Amsterdam legt den Löffel zur Seite, damit klar ist, dass er es einst meint. Lagerhaft, sagt er, auf seine Sprachtheorie zurückkommend, sei in Russland oft nur ein schöneres Wort für Todesstrafe. Und dass er davon überzeugt sei, dass niemand im Kreml eine Träne vergießen werde, wenn sein Mandant eines Morgens mit einer Gabel im Hals aufwache. Andererseits ist er sich ziemlich sicher, dass Chodorkowskij nicht nach Sibirien verbannt wird. „Sie brauchen ihn in Moskau, um ihn zu demütigen.“

Es gebe schon Gerüchte, dass bald ein Verfahren wegen Geldwäsche gegen ihn angestrengt werde, und es sei auch schon klar wie das ausgehe. Das Gericht folgt der Staatsanwaltschaft bis ins letzte Detail. Wird Amsterdam denn nicht in Berufung gehen? Nein, das werde er nicht. Außer noch weiteren Demütigungen verspreche er sich davon nichts. Er will den Kampf um die Freilassung seiner Mandanten auf der politischen Bühne fortsetzen. Deshalb ist seine Familie von Kanada nach London übersiedelt, deshalb reist er durch die europäischen Hauptstädte. Und deshalb ist er diese Woche auch nach Berlin gekommen. „Es gibt außerhalb von Moskau niemanden, dem Putin mehr vertraut als Gerhard Schröder“, sagt er.

Und was macht der? Ermuntert die deutsche Energieindustrie auf dem Höhepunkt der Jukos-Krise dazu, noch stärker in Russland zu investieren. Für Amsterdam ein Beweis für die doppelte Moral der deutschen Außenpolitik, die sich nicht zuletzt mit juristischen Argumenten aus dem Irakkrieg herausgehalten hatte. „Ich würde Ihren Bundeskanzler wirklich gerne fragen, warum er an Russland andere Maßstäbe ansetzt.“ Er würde auch gerne mit den Unternehmen ins Gespräch kommen, die Schröders Aufforderung nachgekommen sind. Doch er weiß natürlich, dass der Zeitpunkt dafür schlecht ist. Der Bundeskanzler, die Vertrauensfrage, die geplanten Neuwahlen. Und der Wirtschaft muss man mit moralischen Argumenten nicht kommen. Außerdem scheint die Strategie des Kreml schon aufgegangen zu sein. Zum Chodorkowskij-Prozess ist alles gesagt, was zu sagen war. Die Leitartikel sind Altpapier, die Empörung verschwindet. Und ist nicht die Mehrheit der Russen sogar froh über dieses Urteil?

Amsterdam schüttelt den Kopf. Das sage der Kreml. Er habe andere Erfahrungen gemacht. Er könne in Moskau keinen Schritt mehr tun, ohne dass die Menschen ihn ansprächen. Menschen, die verstanden hätten, dass dieser Prozess Russland in eine Richtung verändert habe, die mit den papierenen Verfassungsgrundsätzen, die der Präsident beschwört, immer weniger zu tun hat. „Ich glaube an Russland“, sagt Robert Amsterdam, auch für seine Verhältnisse ungewöhnlich pathetisch. Ihm bleibt gar nichts anderes übrig. Er hat außer Chodorkowskij fast keine Mandanten mehr. Das Engagement, das vor zwei Jahren als gut dotierter Job begann, wurde zur Mission. Wenn sie erfüllt ist, will er ein Buch darüber schreiben. Und wenn die Mission sich nicht erfüllt? Amsterdam schüttelt den Kopf. Er ist Anwalt, und Anwälte sind Meister darin, einem das Gefühl zu geben, dass sie alles im Griff haben.

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