Zeitung Heute : Anziehen und abstoßen

Lonsdale-Kleidung war bei Neonazis sehr beliebt. Jetzt sollen neue Kunden her, aber die stört der alte Ruf

Friederike Gräff

Der Laden hat keinen Namen. Draußen hängen Armeehosen, drinnen Bomberjacken. Der Laden liegt an der Danziger Straße, nicht weit vom Kollwitzplatz, aber hier kaufen nicht die Berlin-Touristen und auch nicht die Zugezogenen, die sich in den teuren Dachgeschosswohnungen eingerichtet haben. Skinheads kaufen hier. Nazis. „Haben Sie auch Lonsdale?“ – „Nein, ist nicht mehr gefragt“, antwortet der Verkäufer, der im Sweatshirt und mit runder Brille aussieht wie ein alter Informatikstudent. „Warum nicht?“ Er weiß es nicht, und er will es auch gar nicht wissen. „Je mehr ich mit meinen Kunden rede, desto mehr Kopfschmerzen bekomme ich“, sagt er. „Hat es vielleicht etwas mit der Kampagne zu tun?“, möchte man wissen, aber jetzt wird der Verkäufer unwirsch. Es ist schwierig, etwas Eindeutiges über Lonsdale herauszufinden.

Lonsdale, sagt man, ist eine Bekleidungsmarke für Neonazis. Es ist einfach zu erklären, warum: Wenn man den Schriftzug vor sich hat – Lonsdale – dann sieht man in der Mitte vier Buchstaben: NSDA. Fehlt nur noch das P, dann stünde da die Abkürzung für Hitlers Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. Anfangs war Lonsdale mal eine ganz normale Sweatshirtfirma, eine englische noch dazu, und auf Englisch hätte so eine Abkürzung natürlich gar keinen Sinn gemacht. Aber dann hat Geurt Schotsman für seine Firma Punch die Lonsdale-Lizenz für Deutschland gekauft. Hier hatte die Buchstabenkombination plötzlich einen Sinn – und zog eine Kundschaft an, die Lonsdale in den anderen europäischen Ländern nicht hatte. Lonsdale wurde zum Erkennungszeichen für Nazis.

Natürlich ist es finanziell vorteilhaft, Erkennungszeichen für irgendetwas zu sein, es erhöht die Verkaufszahlen. Aber wer einmal Erkennungszeichen für Nazis war, der wird es schwer haben, die Leute davon zu überzeugen, dass man mit der alten Stammkundschaft nichts mehr zu schaffen hat. Es klebt wie Pech.

Punch hat jetzt eine Kampagne gestartet. Es ist schon die zweite. Aus reiner Verzweiflung. Um neue Kunden zu gewinnen. Und deshalb unterstützt Punch jetzt eine Ringermannschaft aus Neuss, die mit Sportangeboten Kinder von der Straße holen will. Es soll einen Wettbewerb geben, bei dem man ein Lonsdale-T-Shirt gestalten kann und einen anderen, in dem Punch einen originellen Traum erfüllt. „You can make it“, heißt die Kampagne, und es klingt, als mache sich Punch damit selbst Mut. Und: Die Designer entwerfen eine Kinderlinie für eine Generation, die nur noch aus Erzählungen wissen soll, dass Lonsdale einmal als Nazi-Marke gegolten hat.

Punch sitzt in einem weiß gestrichenen Bau im Gewerbegebiet von Neuss, der außen nach den 80er Jahren aussieht und innen wie eines dieser Start-Up-Unternehmen. Ikea-Regale und Poster, und im Eingang haben die Designer ein Foto von Gianni Versace aufgehängt, neben den Familienbildern von Geurt Schotsman, dem Chef, und denen von der Kampagne gegen Rassismus. Auf den Kampagnen-Fotos tragen die Models, Dustin Semmelrogge und Willi Herren, T-Shirts mit dem Aufdruck „Lonsdale loves all colours“. Willi Herren spielt einen Neonazi in der „Lindenstraße“ und war Gast im Dschungel-Camp, Dustin Semmelrogge ist auch Schauspieler, aber vor allem der Sohn von Martin Semmelrogge. Punch hat keine große Wahl. Wer will schon Werbung machen für eine Marke, die versucht, ihrem schlechten Ruf zu entkommen. Und Teil einer Kampagne sein, die niemand zu bemerken scheint.

„Als ich hiermit anfing, war ich nicht der übliche Geschäftsmann“, sagt Geurt Schotsman. Er sieht auch jetzt nicht so aus, mit der Brille, die er an einem Band trägt, wie alte Damen und Schriftsteller es manchmal tun. Von seinem Schreibtisch aus sieht er auf das Bild eines Mönchs, der das Christuskind umarmt. Schotsman ist Niederländer. Er hat an der Universität von Amsterdam Volkswirtschaft gelehrt. Aber Anfang der 80er Jahre wollte er sich selbstständig machen. Er scheitert mit dem Verkauf von Telefonen und der Vermietung von Yachten, schließlich verkauft er englische Schuhe. Schon damals kommen Skinheads in seinen Laden, aber es sind noch nicht die rechten Glatzköpfe, es sind Linke und Unpolitische. Die Rechten werden erst später die Szene bestimmen, ihr Bild ist es, das sich die Öffentlichkeit einprägt: Skin gleich Nazi. 1989 geht Schotsman nach Deutschland. Und 1993 kauft er schließlich die Lizenz von Lonsdale London.

Die Marke Lonsdale kommt aus dem Boxsport, sie ist nach dem fünften Earl von Lonsdale benannt, der die ersten Boxwettkämpfe mit Boxhandschuhen organisierte. In England haben Leute wie Muhammad Ali oder der Popmusiker Paul Weller Lonsdale getragen, für keinen der beiden würden sich deutsche Neonazis begeistern. Trotzdem entdecken die Rechten Lonsdale als ihre Marke, sie tun es in Deutschland und vereinzelt in Belgien und den Niederlanden. Geurt Schotsman sieht die kahl geschorenen Männer in seinen Laden kommen, er sieht sie im Fernsehen bei den Demonstrationen, wenn sie in seinen Sweatshirts Transparente hochhalten, auf denen steht: „Alles für Deutschland“. „Es sind ziemlich grobe Leute“, denkt er. Aber er tut zunächst nichts dagegen, dass sie seine Marke zu ihrer Marke machen, er ist nicht politisch. Er boykottiert nicht die einschlägigen Händler.

Es hätte nichts genutzt, sagt er, schließlich hätten sie damals unter vier Lonsdale-Großhändlern wählen können. Und: Lonsdale ist die wichtigste Einnahmequelle für Punch. „Ohne sie hätte ich 80Prozent der Mitarbeiter entlassen müssen“, sagt Schotsman; es arbeiten 35 Leute für ihn. Ende der 90er Jahre macht Punch dann mal einen zaghaften Versuch und wirbt mit asiatischen und arabischen Models. Die Rechten stört das nicht. „Es war ihnen scheißegal“, sagt Schotsman und verliert kurz etwas von seiner freundlichen Unbeteiligtheit.

Von außen sieht der Laden unauffällig aus: Freizeitklamotten in der Auslage zwischen einem Bioladen und einem Begräbnis-Institut. „Es ist ein schwuler Szeneladen“, sagt der Besitzer, aber das merkt man eigentlich nicht, bevor man das Poster für das „Gay Skinhead-Weekend“ geschenkt bekommen hat. „Lonsdale“, meint der Besitzer, „das ist keine Nazi-Marke, es ist eine alte Boxerfirma.“ „Wo ist denn das P?“, fragt er die Leute immer. „Vielleicht in meiner Hose?“ Und dann gerät er ein wenig in Rage, vielleicht, weil er das Rechtfertigen leid ist, und weil er glaubt, dass Punch sich nicht so einfach aus der Situation befreien könne, wie es die Kritiker annähmen. „Sollen sie deshalb schließen? Eine Marke kann sich doch nicht erpressen lassen von irgendwelchen dahergelaufenen Idioten.“

Im Jahr 2000 beendet Punch sein Schweigen endlich. Der Umsatz stagniert sowieso. Lonsdale ist nicht mehr die einzige Marke, die die Rechten tragen. Sie kaufen Fred Perry, weil ihnen der Lorbeerkranz auf deren T-Shirts zusagt, und es scheint ihnen egal zu sein, dass der Gründer ein jüdischer Tennisspieler war. Sie tragen T-Shirts von Thor Steinar mit der inzwischen verbotenen Rune oder Kappen der Firma Consdaple, die sich einen Namen ausgedacht hat, in dem das „nsdap“ vollständig auftaucht. Und: Schotsman ist beeindruckt vom Brief einiger junger Leute, die ein antirassistisches Festival in Zittau veranstalten wollen, dort, wo die Rechten eine „national befreite Zone“ ausgerufen haben. „Wenn ihr schon selber nichts macht, könnt ihr Leute unterstützen, die etwas in Richtung Zivilcourage machen“, sagen sie ihm. Schotsman ist einverstanden. Das Festival in Zittau heißt „Augen-auf“, und anschließend sollen ein paar Neonazis ihre Lonsdale-Sachen verbrannt haben.

Wenn man sich Punch wie ein Boot vorstellt, das einen neuen Kurs aufgenommen hat, dann gewinnt es jetzt an Fahrt. Punch sponsert den Christopher Street Day (CSD) und „Africans United“, die afrikanische Fußballmannschaft eines ihrer Lager-Mitarbeiter. Die Designer entwerfen eine „Cologne-Pride-Edition“ für den CSD, sie suchen fröhlichere Farben für die T-Shirts und nehmen die Bomberjacken aus dem Programm. Punch stellt einigen seiner 200 Händler ein Ultimatum: Wer sich nicht von Marken wie Thor Steinar trennt, wird nicht mehr beliefert. Die Firma kündigt 15 von ihnen, ein einziger ist bereit, sein Sortiment umzustellen. „Wenn wir alle streichen, sind wir morgen pleite“, sagt der Marketingleiter.

An der Fassade klebt ein ausgeblichenes Poster, „Lonsdale loves all colours“ steht darauf, darüber hängt das Ladenschild. Neben der Kasse sind die CDs aufgebaut: „Sigi und die braunen Stadtmusikanten“, „Division Wiking“ und „Hauptkampflinie“. Der Besitzer ist ein kleiner, Mann mit Brille und dünnem Pferdeschwanz. Neben dem Eingang hängen Jacken von Lonsdale, ein paar Schritte weiter die von Thor Steinar. Die Rune ist mit roten Punkten überklebt, weil sie als verfassungsfeindliches Symbol verboten worden ist. „Hat Punch nicht bestimmt, dass Lonsdale nicht mehr mit Thor Steinar zusammen verkauft werden soll?“, fragt man. „Das hat mir noch niemand gesagt“, sagt der kleine Mann.

Die Vertreter im Osten sind nicht so froh über diese Aktion. Geurt Schotsman hat die Zahlen nicht im Kopf, deshalb ruft er Hans Bulsink an, der für die Finanzen zuständig ist. „Der Umsatz ist doch stark zurückgegangen“, sagt Schotsman. „Ja, ja“, meint Bulsink, „etwa um 25Prozent.“ Im Osten sind es 70 Prozent. Früher hat Punch dort die Hälfte seines Lonsdale-Umsatzes erwirtschaftet, heute ist es nicht einmal mehr ein Viertel.

Und Rettung ist noch nicht in Sicht. Die erste Kampagne, die von 2000, scheint die alten Kunden vertrieben zu haben, aber wenn Punch keine neuen findet, könnte das zu einem Pyrrhussieg werden. Doch die Geschäfte, für die die neue Kollektion gedacht ist – Kinder- und Jugendläden –, bestellten die neue Kollektion nicht, sie glaubten nicht, dass die Kunden Lonsdale-Sachen bei ihnen sehen wollen. Geurt Schotsman holt den Katalog mit den bunten T-Shirts und den Tops mit kleinen Figuren darauf. Er zeigt die Bilder, damit man sieht, wie das neue Design für die Erwachsenen aussehen soll. „Die Vertreter sagen, es gibt auch da keine Nachfrage“, sagt er. „Ich sage, man muss trotzdem weitergehen.“

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