APOKALYPTISCHE FOLKLORECurrent 93 und Gäste : Der seltsame Pate

Jörg W er

Schade, dass eine Hauptattraktion des Konzertblocks rund um Current 93 doch nicht zustande kommt. Der gemeinsame Auftritt mit Rickie Lee Jones hätte ein fulminanter Culture-Clash werden können: hier die katholische Grande Dame der amerikanischen Songwriter-Zunft, dort der britische Folk-Agnostiker David Tibet (Foto) und sein polyphones Ensemble, in dem aktuell immerhin so illustre Gestalten wie Matt Sweeney (Ex-Chavez, Ex-Zwan) oder der „Party hard“-Irrsinnige Andrew W. K. mitmischen.

Lange sah es nicht so aus, als könnte Tibets Karriere, die in den Post-Punk-Wirrnissen der frühen Achtziger ihren Anfang nahm, über den Status eines umstrittenen Vorreiters für experimentierfreudige Pop-Grenzgänger hinaus wachsen. Tibet wühlte tief in verstörendem Industrial-Schlamm, ehe er über neuheidnischen Mystik-Schwurbel zur Wiederbelebung längst vergessener Folk-Spielweisen fand. Nur noch Experten verfolgten das Werk des erratischen Eigenbrötlers und seines Band-Alter- Egos Current 93, bis er vor einigen Jahren von einer jüngeren Musikergeneration um Antony Hegarty und Will Oldham als eine Art Pate adoptiert wurde. Genau diese Rolle prädestiniert den 48-jährigen als Katalysator immer neuer, spannungsreicher Kollaborationen, wie oben erwähnter oder dem Auftritt mit den norwegischen Black-Metal- Elchen von Skitlivam Sonntag. Auf keinen Fall verpassen sollte man zudem die großartige Baby Dee, die als transgendernde Sirene im Körper eines ehemaligen Baumpflegers für Furore sorgt.

Jörg Wunder

Current 93: Volksbühne,

So/Mo 13./14.4., 21 Uhr, 38 €, erm. 30 €; Baby Dee: Volksbühne,

Roter Salon, Di 15.4., 21 Uhr, 12 €

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben