Zeitung Heute : Apotheke der Hauptstadt

Das Erfolgsrezept: Pharmazeutische Entdeckungen, aber keine Experimente. Das galt seit 1851. Aber jetzt steht das Berliner Traditionsunternehmen Schering vor seiner größten Herausforderung

Paul Janositz[Armin Lehmann] Maren Peters

Berlin-Wedding, Müllerstraße, hier ist die Hauptstadt besonders grau und besonders arm. Der Berufsverkehr quält sich jeden Morgen vorbei an türkischen Geschäften, Billigläden und alten Mietshäusern, deren Fassaden vielleicht vor langer Zeit einmal frisch glänzten. In der Trostlosigkeit des ungewaschenen Alltags wird der Blick unweigerlich gefangen genommen von 15 Stockwerken matt schimmernden Aluminiums, es ist ein Gebäudekomplex, der wie ein Raumschiff aus dem Nichts kommt. Man weiß nicht, ob es bereit ist zum Abheben oder ob es für die Ewigkeit angekommen ist. Hoch oben, in der Farbe eines OP-Kittels, leuchtet der Schriftzug von Berlins einzigem Weltunternehmen: Schering. Unten, am Eingang, schauen einige der Mitarbeiter an diesem Tag so finster wie die aufziehenden Wolken. „Das werden die uns erklären müssen“, sagt ein Angestellter und schaut scharf hinüber auf den Parkplatz der Vorständler. Schering, das war seit 150 Jahren der Inbegriff für ein Berliner Unternehmen, jetzt droht die feindliche Übernahme.

Der Angestellte, der seinen Namen lieber nicht nennen will, hat Angst. Er ist irritiert, denn „es muss ja etwas zu bedeuten haben, dass heute alle Chefs anwesend sind“. Gegen acht Uhr morgens, zu Beginn der Schicht, ist die Stimmung schlecht. Wie könnte sie auch anders sein, wenn plötzlich etwas wahr zu werden droht, was nie wahr werden durfte.

Es gab schon viele Großfusionen in der Pharmaindustrie, Schering war bisher noch nie betroffen. Immer wieder hatte es Gerüchte gegeben, von Schering stets dementiert. Unabhängigkeit war den Berlinern immer wichtiger als Größe. Nun will ausgerechnet der Konkurrent aus Darmstadt, der Pharma- und Chemiekonzern Merck, Schering übernehmen: Er bietet knapp 15 Milliarden, 77 Euro je Aktie, es wäre die größte Fusion seit dem Zusammenschluss von Hoechst und Rhône-Poulenc zu Aventis 1999. Merck würde zur Nummer eins im deutschen Pharmamarkt aufsteigen. Es gibt Fachleute, die sagen, für Schering wäre die Fusion auch eine Chance, obwohl das Management sie bisher ablehnt. Das Gewicht als Global Player würde deutlich zunehmen. Das Problem ist nur: Merck will den Hauptsitz in Darmstadt haben.

Spätestens an diesem Punkt ist die Geschichte mitten im Berliner Herzen angekommen, und es beginnt zu schmerzen. Schering ist das einzige börsennotierte Unternehmen der Stadt. Schering ist eine der wenigen Säulen der schwachen Berliner Wirtschaft. Berlin hat außer Schering wenige große Erfolgsgeschichten zu bieten, und jetzt rüttelt Merck auch noch an einem Tabu: am zentralen Standort Berlin. Rund um diesen Standort in Wedding hat Hans Fallada seine Milieustudien betrieben für seinen Roman „Ein Mann will nach oben“. Und wenn man Ernst Schering, den Gründer, auch nicht vergleichen kann mit dem Protagonisten aus Falladas Roman, so hat es die Firma in 150 Jahren doch geschafft: an die Spitze, nach oben. Erst Apotheke, dann Weltkonzern, erschaffen in Berlin-Wedding, Müllerstraße. Wenn das mal keine Erfolgsgeschichte ist.

Noch lange bevor das sowjetische Staats- und Parteioberhaupt Nikita Chruschtschow mit Berlin-Blockade drohte, fasste der Nachkriegsvorstand einen historischen Entschluss: „Wenn wir wieder aufbauen, dann in Berlin, das sind wir unseren Mitarbeitern schuldig.“ Schering blieb, auch nach dem Mauerbau, und entwickelte eine ganz eigene Firmenphilosophie, Insider sagen, Schering sei kreativ und bodenständig zugleich. Understatement nach außen, unbedingte Professionalität und Mut zu Innovationen nach innen. Diesen Gegensatz kann man schon erahnen, wenn man Schering besucht.

Dann beginnt eine Zeitreise in eine andere Welt. Das Forschungs- und Verwaltungsgebäude, Anfang der Siebziger gebaut, ist ein Stück Berliner Industriearchitektur und steht unter Denkmalschutz. In der riesigen Eingangshalle wacht ein halbitalienischer Pförtner grimmig über die Besucher. Die rund 6000 Mitarbeiter arbeiten in Beton, ganz unten ist die Kantine, ganz oben residiert der Vorstand.

Aber schon diese Unterteilung täuscht: Nichts ist hier pompös, weder die Rolltreppe, die vom Eingang in die Empfangshalle führt, noch der schlichte Industrieteppich, der durchs Gebäude leitet, auch nicht die Gummibäume, die den einzigen Schmuck der Räume darstellen.

So wenig pompös wie das Gebäude ist auch der Konzern: Vielleicht trifft das Wort konservativ am besten, das gilt für die gedeckten Anzüge des Vorstandsvorsitzenden bis hin zu öffentlichen Auftritten, in denen das Wort Weltmarktführer gemieden wird. Die leisen Töne gehören zur Tradition, und die Tradition wird gepflegt. Schering hat meist seine Führungskräfte selbst hervorgebracht, das wiederum hat zu einer eigenen Unternehmenskultur geführt, manche sagen „zur Schering-Familie“. Die Familie agiert zwar weltweit, an über 140 Standorten mit 25 000 Mitarbeitern, aber von Berlin aus, von der Müllerstraße betrachtet, ist das Globale kaum zu sehen.

Wer hier an die Spitze kommt, der kennt jeden Winkel des Unternehmens, der hat sich über Jahre bewährt, so kann man sicher sein, dass überraschende Kurswechsel ausbleiben. Manche in der Branche finden das langweilig, die 6000 Mitarbeiter in Berlin finden es mehrheitlich angenehm. Man schaut auf zum Vorstand, denn bisher konnte man sich auf ihn verlassen. Der Umbruch der 90er, die Fokussierung auf die Pharmabranche, der Stellenabbau, alles geschah einigermaßen im Einklang mit den Angestellten, der Betriebsrat stand meist an der Seite der Konzernführung, und so hört man bis heute, dass der Stellenabbau stets sozial verträglich verlief. Ein Gefühl herrschte vor: Der Vorstand werde es schon richten.

Und der Vorstand richtete. Führte das Unternehmen aus mancher Krise, machte es schlank, verkaufte die Düngemittelsparte. Schering konzentrierte sich in der Pharmaindustrie auf drei strategische Geschäftsfelder, denen sie sich seit der Gründung verschrieben haben: Diagnostika, Hormone und Therapeutika. Schon 1871 führte Schering die ersten Östrogenpräparate und Röntgenkontrastmittel ein. Die Hormonforschung wurde weltberühmt durch die erste europäische „Pille“ 1961. Bis heute verdient Schering mit Verhütungsmitteln viel Geld.

Kreativ zeigte sich das Unternehmen nicht nur in der Forschung, sondern auch im Meistern des Alltags. Schon direkt nach dem Krieg hatten die Schering-Mitarbeiter mangels anderer Behälter wichtige Chemikalien in Zigarettenschachteln verpackt und ihre Steroide in Einmachgläsern angerührt. Auch im Kalten Krieg wusste man sich zu helfen. Das Unternehmen, nur 500 Meter von der damaligen Sektorengrenze entfernt, verlor mit der Teilung alle Fabriken im Ostteil der Stadt und seinen Absatzmarkt in Ostdeutschland. Nun fanden sie Ersatz für die fehlenden Anlagen. Im westfälischen Bergkamen wurde ein Kohleveredelungswerk zur zweiten Produktionsstätte. Alte Weggefährten der Scheringer Geschichte erinnern sich daran, wie die neuesten Geschäftsdaten per Funk und verschlüsselt nach Bergkamen geschickt wurden.

Die Kreativität der wenigen verbliebenen Fachleute nach dem Krieg wurde zum wichtigsten Kapital des Unternehmens. Für Berlin aber wurde Schering nicht nur zum wichtigen Wirtschaftsmotor, sondern auch zum Katalysator für den Wissenschafts- und Forschungsstandort.

Niemand kann das wohl besser beurteilen als Detlev Ganten, Vorstandschef der Charité. „Die Bedeutung von Schering für die Berliner Wissenschaft kann man gar nicht überschätzen“, sagt der Professor, und seine Stimme klingt beunruhigt. Der Mediziner hat das Max-Delbrück-Zentrum für Molekulare Medizin in Berlin-Buch aufgebaut und geleitet. In dieser Funktion hat er Schering schätzen gelernt. Ganten sagt: Der Einsatz für Berlin in der medizinischen Forschung sei größer gewesen, als es das Firmeninteresse verlangt habe. Schering ist immer mehr gewesen als das Unternehmen, das seinen Sitz zufällig in Berlin hatte. Ganten erklärt das Engagement mit den Personen, die in der Schering-Forschung das Sagen hatten. Günter Stock etwa, lange Jahre Forschungsvorstand bei Schering. Seit Anfang 2006 ist der Mediziner Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Herausragend sei sein persönliches Engagement für Medizin und Biotechnologie, für die Lebenswissenschaften allgemein, gewesen.

Und nun? Was bedeutet es für die Berliner Wissenschaft, wenn Schering von Merck übernommen werden sollte? Ganten macht es von der Entwicklung abhängig. Ob der Konzern zerschlagen werde oder nicht. Bliebe die jetzige Struktur im Wesentlichen erhalten, so könnte das neue Unternehmen auch zukünftig seine Rolle spielen: als Förderer und Arbeitgeber für Berlin. Andernfalls aber sei die Entwicklung zur „Gesundheitsstadt“ gefährdet, die Ganten als Berlins eigentliche wirtschaftliche Perspektive ansieht.

Wie nachhaltig Schering überhaupt noch in Zukunft aus Berlin arbeiten kann – an diesem Morgen am Schering-Eingang in Wedding kann die Frage niemand beantworten. Die Beschäftigten sind ratlos. Einige trösten sich mit der Tatsache, dass Merck ja auch ein deutsches Unternehmen sei. Andere beschleicht das mulmige Gefühl, dass es eines Tages doch vorbei sein könnte mit den Treueschwüren für den Standort Berlin. Eine Mitarbeiterin sagt, was alle denken: „Entscheiden werden die Aktionäre, nicht wir.“

Mitarbeit: Sebastian Bickerich

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