Zeitung Heute : Applaus für einen Ungeliebten Jürgen Rüttgers gewann, seinem Image zum Trotz

Tom Levine[Düsseldorf]

Durch den lauschigen Garten der neuen CDU-Zentrale an der Wasserstraße in Düsseldorf, wo schon seit einer halben Stunde eine beinahe selige Stimmung herrscht, hört man Peer Steinbrücks Stimme. „Es ist guter Brauch unter Demokraten“, sagt der vorerst letzte SPD-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, „dem Sieger einer Wahl zu gratulieren, was ich gerne tue. Die Sozialdemokraten…“, hebt er noch an, aber dann drehen sie ihm den Ton weg. Jürgen Rüttgers ist auf dem Weg hierher, jetzt hat der Peer seine Schuldigkeit getan. Und jetzt wollen sie nur noch feiern.

In der obersten Etage der Landesgeschäftsstelle, in einem Glaskasten mit papierverhangenen Fenstern, hat Rüttgers die ersten Trendmeldungen erfahren. Sie sind besser, viel besser, als man erwartet hatte. Deshalb geht Rüttgers jetzt auch nicht erst zum Erklären in die untere Etage im Haus, wo die Kameras stehen, sondern gleich ins Festzelt draußen, wo ein paar Hundert CDU-Anhänger immer noch nicht ganz glauben wollen, dass ihre Partei nach 39 Jahren den Ministerpräsidenten in der alten SPD-Hochburg Nordrhein-Westfalen stellen wird. „Wir sind hier am Siegen“, frohlocken die Herren bei der Seniorenunion, und Hendrik Wüst, Chef der Jungen Union im Land, wandelt einen berühmten „Bild“-Titel um: „Wir sind Ministerpräsident.“

Als Rüttgers ankommt im Zelt unter „Jürgen, Jürgen“-Rufen, da sieht man in seinen Augen ein bisschen das Wasser stehen. Er hat seinen Mund zu einem sehr breiten Lächeln aufgeklappt, es sieht fast aus, als wollte er die ganze Zeit laut „Äh“ sagen. Er macht das, weil er sonst wahrscheinlich gleich die Fassung verlieren würde. Das ist der Moment, an dem die Erleichterung kommt. Es hätte alles vorbei sein können mit Dr. Jürgen Rüttgers bei einem anderen Wahlausgang. Er hätte sich ein neues Leben suchen müssen, er wäre jetzt ein Ehemaliger. Nichts da. Eine satte Mehrheit für Schwarz-Gelb. „Der 22. Mai 2005 ist ein toller Tag“, sagt Rüttgers, und sein Mund geht immer noch nicht zu. Man habe lange warten müssen auf dieses Gefühl. Und er fügt hinzu: „Vielen Dank, dass ihr alle geholfen habt. Es ist euer Sieg.“ Und da jubeln sie wieder. Hat er das eben bewusst gesagt? Rüttgers wird es noch von den Demoskopen schriftlich bekommen, aber er weiß es längst selbst. Die Union hat in NRW nicht wegen Jürgen Rüttgers gewonnen. Eher im Gegenteil. Sein Image war sein Wahlgegner Nummer eins in den vergangenen Wochen, bis hinein in seine eigene Partei ist er umstritten. Und sein Sieg ohnehin eher eine Niederlage der SPD.

„Das Wichtigste wird jetzt sein, das Votum der Wähler möglichst schnell zu rechtfertigen“, sagt der frühere CDU-Generalsekretär Peter Hintze. „Jetzt muss ein Wechsel her“, das sei das beherrschende Gefühl gewesen. Norbert Lammert, der in Düsseldorf im Landesvorstand sitzt, sieht das ähnlich. „Die Menschen haben sich gesagt, bevor jetzt weiter herumgeeiert wird, wählen wir halt CDU.“ Die Macht ist geliehen. Man muss sich erst beweisen.

Im Zelt will man so was jetzt nicht hören. „Wir haben das Vertrauen gewonnen, den Auftrag bekommen, dafür zu sorgen, dass NRW wieder kommt“, lächelt Rüttgers und geht bald unter im lärmenden Jubel. Als er dann wieder geht, nach höchstens zehn Minuten vielleicht, da machen sie auch den Ton von den Fernsehern wieder an. Franz Münteferin g ist zu hören. „Die Menschen sollen die Gelegenheit haben, das strukturelle Pat, in dem das Land nun steckt, zu lösen. Wir wollen, dass Schröder vorne steht.“ Der nächste Wahlkampf hat begonnen, noch hat es hier keiner bemerkt.

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