Arabische Rebellion : Von Untertanen zu Bürgern

Die Bilder sprechen für sich: In einer bescheidenen Zeremonie hat sich die Weltmacht USA in dieser Woche aus dem Irak verabschiedet. Kein Pomp und keine markigen Worte. Fast neun Jahre nach der Invasion hinterlässt die größte Militärmacht der Welt einen Scherbenhaufen. In der tunesischen Kleinstadt Sidi Bouaziz dagegen haben Tausende an diesem Wochenende den ersten Jahrestag des Beginns ihres Aufstandes gefeiert, der Diktator Zinedine Ben Ali wenig später zu Fall brachte.

Arbeiter, Arbeitslose, Studenten und Vertreter der Mittelschicht hatten aus eigener Kraft das Undenkbare erreicht, ausgelöst durch die Selbstverbrennung eines arbeitslosen Gemüsehändlers am 17. Dezember 2010. Und damit den sogenannten Arabischen Frühling ausgelöst, in dem Volksbewegungen auch die Langzeitherrscher von Ägypten, Libyen und Jemen hinwegfegten. Der Kontrast zwischen den Bildern aus dem Irak und aus Tunesien könnte größer nicht sein: Er markiert das Ende einer Epoche und den Beginn einer neuen in der arabischen Welt – aber auch in der Geopolitik.

Dabei wurden doch in beiden Fällen Diktatoren gestürzt. Nach der Dominotheorie der neoliberalen Kriegstreiber in Washington sollte der Sturz des Diktators Saddam Hussein auch die Demokratisierung in der Region in Gang setzen. Das hat nicht funktioniert. Weil die Amerikaner in ihrer Ignoranz der irakischen Gesellschaft handwerklich fast alles falsch machten, was man falsch machen konnte: Auflösung der irakischen Armee, Ausschluss der sunnitischen Bevölkerungsgruppe, eine rein nach konfessionellem und ethnischem Proporz zusammengesetzte Regierung. Vor allem aber: Weil in einer Region, die lange unter ausländischer Bevormundung gelitten hat, eine von außen gelenkte Transformation zu viele Widerstände hervorbrachte. Eine solchermaßen arrogante Großmachtpolitik wird es in der Region in Zukunft nicht mehr geben.

Doch nach den Volksaufständen sieht die Lage auch nicht überall rosig aus: Es ist wahrscheinlich, dass Syrien weiter im Bürgerkrieg versinkt; in Libyen gibt bisher keine Miliz ihre Waffen ab; in Ägypten steht der Machtkampf zwischen Militärs und islamistischen Wahlsiegern noch bevor. Aber die Menschen in all diesen Ländern haben sich selbst von Untertanen zu Bürgern erhoben. Und damit Verantwortung übernommen. Das ernsthafte Ringen aller Kräfte in Tunesien und Ägypten um jeden Schritt der Transformation zeugt davon.

Das Irak-Abenteuer der USA hat diese überfälligen Rebellionen der arabischen Gesellschaften wohl eher verzögert. Denn der Unmut der arabischen Gesellschaften richtete sich in bewährter Manier gegen den äußeren Gegner und nicht gegen die eigenen Herrscher. Aber die USA haben sich in Irak selbst entzaubert – und damit indirekt vielleicht doch dazu beigetragen, dass die Region jetzt auf sich selbst hört. Wenn die syrische Opposition sich an diesem Wochenende in Tunesien trifft – und nicht in Paris oder Washington – spricht das Bände.

Das wird auch der Westen zu spüren bekommen. Moderate oder weniger moderate Islamisten sind unsere neuen politischen Ansprechpartner. Ihre Politik wird für den Westen weniger gefällig sein als diejenige der Diktatoren. Aber anders als beim amerikanischen Projekt in Irak ist deutlich: Eine Region findet zu sich selbst – und damit geht es voran.

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