Zeitung Heute : Arbeit am Menschen

15 Minuten darf die Mahlzeit eines kranken Menschen dauern, so viel zahlt die Pflegeversicherung. Jede weitere Minute geht auf Kosten des Betreuers. Ihn ins Krankenhaus bringen, seine Katze füttern – auch dafür gibt es kein Geld. Wie schafft man das? Besuch bei einer mobilen Pflegestation.

Nadja Klinger

Ein Tag beginnt, wenn der erste Anruf kommt. Manchmal kurz nach Mitternacht. Im Dunkeln tastet Petra Uhlig nach dem Telefon. Am anderen Ende nennt jemand nicht erst seinen Namen, sondern will wissen, wann endlich die Pflegeschwester kommt. Der Satz ist keine Frage. Er hat ein Ausrufezeichen. Ein gebrechliches Ausrufezeichen, das dem Willen, und sei er auch noch so heftig, keinen Nachdruck verleiht. „Jetzt doch noch nicht“, sagt Petra Uhlig. „Sie müssen noch ein bisschen schlafen.“

Zwar hebt sie den Kopf nicht vom Kissen, jedoch ist sie längst aus dem Tiefschlaf in die Realität aufgetaucht. Die Realität ist ihre Arbeit. Sie betreibt eine mobile Hauskrankenpflege in Berlin Prenzlauer Berg. Sie beschäftigt vier Mitarbeiterinnen im Büro und 21 im Außendienst. Altenpflegerinnen, Krankenschwestern, Hauswirtschaftspflegerinnen. Zwei Männer, sonst Frauen. „Meine Firma“, sagt sie. Die Bezeichnung ist eigentlich falsch. Sie gehört in die Wirtschaft. Aber es gibt keine bessere. Schlimmer noch: Das Wirtschaften stellt mittlerweile das, was Petra Uhlig kranken und alten Menschen bieten will, in den Schatten.

1991 hat sie die Firma unter einer guten Voraussetzung gegründet: Sie wollte. Eine andere gute Voraussetzung gab es nicht. Die ehemaligen DDR-Bürger waren gerade auf Krankenkassen verteilt worden und ziemlich verunsichert. Es gab kaum niedergelassene Ärzte. In Krankenhäusern kannte man Hauskrankenpflege nicht. Wer sollte Petra Uhlig Patienten schicken? Sie war zwölf Jahre Krankenschwester auf einer Station gewesen. Sie war kein Mensch, der gern den Hut aufhatte. Nun führte sie ein Unternehmen. „Ich war so’n richtiger Ossi“, sagt sie. „Die Mauer war weg und ich dachte, es gibt keine Hindernisse mehr.“

Sie musste mit dem Trabi herumfahren, sich vorstellen, erklären. Wenn das Auto bockte, ist sie gelaufen. Sie hat sich jeden Patienten einzeln rangeholt. Hat sich groß gemacht, obwohl sie eigentlich eine kleine Frau mit Zöpfchen ist. Sie begegnete Menschen, die so bescheiden lebten, wie sie es nicht für möglich gehalten hatte. Kam sie mit ihren Mitarbeiterinnen im Büro zusammen, wurde geredet. Jede erzählte: von Gestank und Dreck in den Wohnungen, von Armut und Einsamkeit. Das Erlebte ließ sich nicht einfach abarbeiten. Petra Uhlig musste so etwas wie eine Mutter sein. Sie brauchte eine dickere Haut.

Sportliche Herausforderung

Ihre Mitarbeiterinnen sagen „Chefin“ zu ihr, auch die, mit denen sie sich duzt. Die Chefin hat derzeit etwa 140 Patienten. Überwiegend alte Leute, die niemanden mehr haben oder die keiner wahrhaben will. Die Hauskrankenpflege soll ihnen Sicherheit, Zuwendung und Geborgenheit geben. So steht es im Pflegeleitbild der Firma. Außer dem Leitbild gibt es noch die Realität. Die Realität ist das, wovon die meisten Menschen keine Ahnung haben. „Wir arbeiten an der Rückseite der Gesellschaft“, sagt die Chefin.

Sie hatte zwei Kinder zu Hause, als sie die Firma gründete, und einen Mann. Sie war aber kaum noch zu Hause. Sie hat ihren Patienten zugehört. Sie hat den Mitarbeiterinnen zugehört. Wenn mal eine verhindert war, hat sie den Dienst übernommen. Sie hat Wohnungen entrümpelt, Möbel organisiert und geschleppt. Sie hat mit dem Pinsel auf der Rückseite der Gesellschaft Farbe aufgetragen. Sie dachte, wenn ein Leben einen schönen Anstrich hat, dann geht es auch mit dem Alkoholiker aufwärts, der dieses Leben lebt.

Petra Uhlig hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt. Ihre Arbeit wurde fast zur Mission. Vor ein paar Jahren hat sie ein Buch veröffentlicht, in dem Patienten Geschichten aus ihrem Leben erzählen. Lebenserfahrungen von Menschen hat Petra Uhlig schätzen gelernt. Sie will ihren Patienten die Hilflosigkeit nehmen, den alten Leuten das Gefühl, hinter der Zeit zurückzubleiben. Im Buch erzählt sie davon, was es heißt zu pflegen. Da spricht sie auch von Idealen, die den Bach runtergegangen sind. Die Probleme der Menschen, schreibt sie, seien „mit einer sauberen Wohnung nicht gelöst. Da fehlen ganz grundsätzliche menschliche Bindungen, die wir nur sehr oberflächlich ersetzen können.“

Sie ist Mitte vierzig. Sie trägt Jeans und Pullover. Sie berlinert. Ihr Lachen ist rau. Sie schiebt die Brille hoch in die rot gefärbten Haare. In ihrem Gehirn hat sie zu jedem Patientennamen ein Stück Lebensgeschichte gespeichert. Mitunter brummt ihr der Schädel. Seit 1995 gibt es die gesetzliche Pflegeversicherung. Jedes Mitglied einer gesetzlichen Krankenkasse erhält bei Pflegebedürftigkeit Versicherungsschutz. Der Medizinische Dienst der Kassen legt fest, in welchem Umfang. Außerdem geben die Kassen Geld für ganz bestimmte Arbeiten, die in einer bestimmten Zeit verrichtet werden. Kommt der Pfleger zum Patienten, arbeitet er Leistungskomplexe ab. So gibt es zum Beispiel verschiedene Varianten der Körperpflege in unterschiedlichen Preislagen. So hat eine Pflegeperson maximal 15 Minuten Zeit, um eine kleine Mahlzeit aufzuwärmen, das Essen aufzutun, dann das Geschirr abzuwaschen und den Arbeitsplatz zu säubern. Als sportliche Herausforderung ist das zu schaffen. Wäre da nicht der Patient, der innerhalb der vorgegebenen Zeit auch aufessen muss. Aber um den Patienten geht es in den Leistungskomplexen wohl nicht vornehmlich.

Es geht darum, dass die Kassen das Geld geben. Also haben sie auch das Sagen. Es geht darum, dass sich der Katalog mit den Leistungen für Pflegebedürftige ausnimmt wie ein Versandhauskatalog. Bei der Pflegeversicherung jedoch handelt es sich nicht um ein Geschäft. Geschäfte funktionieren an der Rückseite der Gesellschaft sowieso nicht. Dort gibt es nicht wirklich Kundschaft, denn dort hat kaum jemand die Wahl.

Mit Dienstfahrzeugen sind die Mitarbeiterinnen der „Mobilen Hauskrankenpflege Petra Uhlig“ in ganz Berlin unterwegs. Auf Pullovern und Jacken, die sie tragen, steht das Firmenlabel. Zu den meisten Türen, an denen sie klingeln, haben sie einen Schlüssel. Bevor sie jemandem aus dem Bett helfen oder einen Ofen heizen, müssen sie ihre Chipkarte durch einen Scanner ziehen. Sind sie fertig, muss die Karte wieder durch. Sie registriert Minuten und Sekunden.

Dann wird die Pflegedokumentation gemacht. Schreibarbeit. Die Pflegerinnen sitzen in den Wohnstuben, rechnen durch und rechnen ab, sammeln Unterschriften. Währenddessen unterhalten sie sich mit den Patienten. Gespräche sind im Leistungskatalog der Kassen nicht vorgesehen. Gespräche sind nicht beendet, wenn das letzte Papier ausgefüllt ist. Petra Uhlig und ihre Mitarbeiterinnen bleiben länger. Länger als die Kassen bezahlen. Soweit ihnen das möglich ist. Solange die Firma das aushält.

Wenn sie im Büro eintreffen, eine nach der anderen, reden sie nicht mehr so wie früher. Es geht ungezwungen zu, kumpelhaft, aber die Zeitnot hat auf ihr Zusammensein übergegriffen. Sie hat aus der Schicksalsgemeinschaft eine Arbeitsgemeinschaft gemacht.

Ein Patient ist verschwunden

Katrin Viehuber ist so etwas wie Balsam für die Seele. Sie ist mit Mitte zwanzig die Jüngste. Sie sitzt hinterm Empfangstresen. Sie ruft jedem, der reinkommt, seinen Namen entgegen und es klingt, als wäre sie tatsächlich froh, ihn zu sehen. Sie arbeitet Papierstapel ab, sortiert Schlüssel, organisiert Medikamente, faxt Verordnungen an die Kassen, leitet Anrufe weiter. Sie wählt einen Arzt an und bettelt um Insulin für einen zuckerkranken Mann. Der Kostenübernahmebescheid ist auf dem Postweg verloren gegangen. Ohne Geld kein Medikament, sagt der Arzt. „Kann ich verstehen“, sagt Katrin Viehuber, „der muss auch seine Abrechnung machen.“ Dann ruft der Krankenpfleger an. Das Insulin sei in ein paar Tagen alle. Wieder telefoniert sie mit dem Arzt. Und lächelt immer noch.

Ein Patient ist verschwunden. Er hat sich wohl wieder selbst ins Krankenhaus eingewiesen. Katrin Viehuber forscht nach. Sie findet ihn nicht. Pausenlos klingelt das Telefon. „Chefin, welches Auto soll Ute nehmen?“ – „Frau S. hört Brittas Klingeln nicht, Chefin!“ – „Alkoholtupfer für Rita, Chefin!“ – „An die Fahrtenbücher denken!“ Mit dem Hörer am Ohr verteilt sie Gummihandschuhe. „Ist die S. nicht schon sehr alt?“, fragt sie später ihre Kollegin Yvonne Ott. „93“, antwortet die, „so alt will ich gar nicht erst werden“.

Vor fünf Jahren hat das Institut für Qualitätssicherung im Gesundheitswesen Wohnungen von Petra Uhligs Patienten kontrolliert und Papiere im Büro. Der Firma wurde das Qualitätssiegel zuerkannt. „Darauf bin ich stolz“, sagt die Chefin. „Jedoch denke ich, dass die Qualität der Pflege sich nicht nur darin äußert, ob die Formalitäten stimmen“, schreibt sie in ihrem Buch. „Vielmehr gehört für mich der Freiraum dazu, spontan den Bedürfnissen der Patienten zu entsprechen.“

Den Freiraum Tag für Tag zu schaffen, das liegt ganz bei ihr. In den Pflegevorschriften der Kassen ist er jedenfalls nicht vorgesehen. Jedoch kann kein Patient auf all die Leistungen verzichten, die nicht bezahlt werden. Pflegerinnen, die es als ihre Pflicht ansehen, sich umfassend zu kümmern, erbringen sie. Sie füllen die Wohngeldanträge der alten Leute aus. Gehen mit ihnen spazieren. Geben Augentropfen. Machen Mobilisationsübungen. Putzen Fenster, holen Medizin aus der Apotheke. Warten, bis der Notarzt kommt, um die Tür zu öffnen. Packen die Tasche. Begleiten den Patienten ins Krankenhaus. Besuchen ihn und bringen neue Sachen. Versorgen die Katze zu Haus… Und so weiter und so fort. Die Kassen zahlen für all das nichts. Sind sie unrealistisch? Oder eher ignorant? Jedenfalls haben sie mit der Realität nichts am Hut.

Wirtschaften kann Petra Uhlig so kaum. Im Grunde müsste ihre Firma wie ein Vertrieb funktionieren. In dem Katalog gibt es Angebote wie Lagern/Betten und Darm- und Blasenentleerung. Auf das eine oder andere kann der Kunde vielleicht verzichten, auf das meiste nicht. Hat er Geld übrig, kann er es sich richtig gut gehen lassen. Petra Uhlig hat fast nur Patienten, die verzichten müssen. „Das Geld, das die Kassen geben, reicht in keiner Pflegestufe aus.“ Und auch die Firma kommt kaum hin. Die Chefin muss ihre Leute bezahlen. Die Miete. Das Benzin, den Strom, die Telefone. Sie kauft Handschuhe und Material. Es ist absurd: Die Kassen bezahlen die Injektion, aber nicht die Spritze, mit der man sie verabreicht.

Katrin Viehuber kommt kaum hinter ihrem Tresen hervor. Vor Weihnachten hat sie Geschenke verteilt an Patienten, Betreuer, Ärzte, soziale Dienste, das Bezirksamt. Das war eine Abwechslung. Jetzt ist eine neue Abwechslung dazugekommen. Um Medikamente zu besorgen, braucht sie 10 Euro Praxisgebühr von den Patienten. Die Pfleger bringen das Geld mit, Katrin Viehuber quittiert, dann muss das Geld zu den Ärzten, die schicken ebenfalls eine Quittung, die wiederum muss zum Patienten zurück, und wird von dort wieder geholt, falls ein weiteres Medikament anfällt.

So lange Sie leben…

Kurz vor Dienstschluss versucht sie noch einmal, den verschwundenen alten Mann zu finden. Sie lauscht in den Telefonhörer. „Sie sind zu Hause?“, fragt sie plötzlich. „Wollten Sie nicht ins Krankenhaus?“ Sie nimmt einen Stift und streicht die Notiz, dass sie den Mann suchen muss, durch. „Ach, Sie haben heute keine Zeit. …Und wann gehen Sie ins Krankenhaus? …Wenn Sie Zeit haben.“ Der Mann am anderen Ende hat vergessen, mit wem er spricht. „Die Sozialstation ist hier, Firma Uhlig!“

Und dann hat Katrin Viehuber zum ersten Mal an diesem Tag ein ernstes Gesicht. „Das stimmt aber nicht“, sagt sie. Der alte Mann im Hörer schimpft. „Nein“, wehrt sich die junge Frau, „das können Sie so nicht sagen!“ Yvonne Ott stürmt herbei, reißt den Hörer an sich. „Was ist los?“, fragt sie. Mit dem nächsten Satz hat sie den Mann beruhigt. Er ist ihr Patient. Was immer ihm für eine Laus über die Leber gelaufen ist, sie hat sie vertrieben. Der Ton macht die Musik in der Altenpflege. Es ist ein ungewohnter Ton. Er wird salopp angeschlagen und schnell zutraulich, wie ein Radiosender, der das wahre Leben übertönt. Im wahren Leben gibt es die Konkurrenz, die den Autos der Firma Uhlig hinterherfährt und Patienten abwirbt. Im wahren Leben gibt es Neuerungen in der Pflegegesetzgebung. Es geht das Gerücht, dass im Zuge dieser Neuerungen das Qualitätssiegel von Petra Uhlig nicht mehr anerkannt wird. Sie muss dann alle zwei Jahre ein neues erwerben, und das soll jedes Mal nicht wenig kosten. So weit wird es kommen: Sie hat Qualität, aber kein Geld fürs Zertifikat.

Viele Pflegestationen haben zugemacht. Für Petra Uhlig sprechen zwei Gründe dagegen. Zum einen würden Patienten ihre Bezugspersonen verlieren. Der zweite Grund aber ist stärker: Man erwartet von ihr, dass sie durchhält. Am meisten erwartet das wohl sie selbst. Wenn einer ihrer Patienten sterben will, redet sie ihm das nicht aus. Sie bittet ihn zu trinken und etwas zu essen, denn ansonsten wäre das ein schrecklicher Tod. Sie sagt: „Wir müssen jeden Tag hoffen, dass es so weit ist. Aber solange Sie leben, machen wir das Beste daraus.“

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